am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

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Aktuelles

Ausstellung zu Aristides de Sousa Mendes wurde in der UB Gießen am 29. Mai 2017 eröffnet

Besuch der Ausstellung bis zum 30. Juni 2017 möglich - Bericht zur Eröffnung im Gießener Anzeiger erschienen

"Es war wirklich meine Absicht, all diese Menschen zu retten". Das schrieb der portugiesische Diplomat Aristides Sousa an seine Regierung, nachdem er im Juni 1940 als Generalkonsul von Bordeaux innerhalb weniger Tage annährend 30.000 Visa an Menschen verschiedenster Nationalitäten, darunter etwa 10.000 Juden, ausgestellt hatte, die aufgrund der riesigen Flüchtlingswelle, die die nationalsozialistische Besatzung ausgelöst hatte, im noch nicht besetzen Gebieten Frankreichs gestrandet waren. Sie erhofften sich Zuflucht in Portugal. Für die Durchreise durch das von dem Diktator Franco beherrschte Spanien benötigte man ein portugiesisches Visum. Tausende Flüchtlinge drängten daher zum Portugiesischen Konsulat in Bordeaux. Obwohl der portugiesische Diktator Salazar allen Diplomaten verboten hatte, Visa für die Flüchtlinge auszustellen, ignorierte Sousa Mendes dies und stellte ausnahmslos jedem in Not Befindlichen ein Visum aus, gänzlich ungeachtet der Nationalität, Rasse oder Religion. Diese Menschen konnten so nach Portugal einreisen und von dort etwa nach Übersee fliehen. Zu den Geretteten gehörten auch berühmte Persönlichkeiten wie der Maler Salvador Dali und seine Frau, Otto von Habsburg und zahlreiche Mitglieder seiner Familie sowie der polnisch-jüdische Schriftsteller Julian Tuwim. Vor allem aber rettete er Tausende unbekannter Menschen, die zum Teil schon mehrere Fluchtetappen hinter sich hatten.
Als die portugiesische Regierung von Sousa Mendes’ Aktivitäten erfuhr, wurde er aufgefordert, Bordeaux unverzüglich zu verlassen. Selbst auf der Fahrt in Richtung Heimat verteilte Sousa Mendes jedoch weiterhin Visa auf der Straße. Am 23. Juni wurde er seines Amtes enthoben und aus dem diplomatischen Dienst entlassen. Dies bedeutet auch die Streichung seiner Pension und Ächtung der Familie. Sousa Mendes starb 1954 in Armut. Erst 1988 wurde er rehabilitiert. Sousa Mendes wird heute als einer der Gerechten unter den Völkern durch die Gedenkstätte Yad Vashem geehrt.

Der Initiative des Vereins "ViVer – Vision und Verantwortung e.V." und ihrer Ausstellung "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt: Aristides de Sousa Mendes – Ein Beispiel für Zivilcourage" ist es maßgeblich zu verdanken, dass Sousa Mendes heute in Deutschland kein gänzlich Unbekannter mehr ist. Seit 2008 präsentiert der Verein die Ausstellung an wechselnden Orten. Es ist die erste Ausstellung überhaupt, die bisher in Deutschland über Sousa Mendes gezeigt wird. Die beiden Ausstellungsmacher Katharina Stillisch und Sven Wierskalla waren extra zur Eröffnung der Ausstellung in Gießen aus Berlin angereist. Katharina Stillisch erklärte, dass für sie besonders wichtig sei, dass Sousa Mendes Menschen ganz unabhängig von Nationalität und Religion habe retten wollen. Er habe keinerlei Unterschied zwischen den Menschen gemacht. Prof. Dr. Verena Dolle (JLU-Vizepräsidentin für Studium und Lehre der JLU und Romanistin) und Dr. Peter Reuter (Leitender Bibliotheksdirektor der Universitätsbibliothek Gießen) betonten zudem das ungeheure Maß an Zivilcourage und Menschlichkeit, die Sousa Mendes gezeigt habe. Gerade aktuell müsse man auf solche Vorbilder aufmerksam machen. Dr. Markus Roth (Stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur) unterstrich den Ausnahmecharakter von de Sousa Mendes, „der ohne Rücksicht aus die eigene Person geholfen hat, wo Hilfe nötig war, als die meisten anderen Menschen wegschauten oder sich am Unrecht beteiligten“.

Die Ausstellung, die eine Kooperation der Universitätsbibliothek Gießen, des Instituts für Romanistik sowie der Arbeitsstelle Holocaustliteratur mit freundlicher Unterstützung der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung zu Lich ist, wird bis zum 30. Juni 2017 im Ausstellungsraum im Erdgeschoss der Universitätsbibliothek Gießen täglich von 7.30 Uhr bis 23.00 Uhr (außer an gesetzlichen Feiertagen) zu sehen sein. Der Eintritt ist frei.

Im Gießener Anzeiger ist am 31. Mai 2017 ein Bericht zur Ausstellungseröffnung erschienen. Diesen finden Sie hier.


Weitere Holocaust-Professur in Hessen

Prof. Dr. Sascha Feuchert tritt die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftungsprofessur an – Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur sowie ihre Didaktik – Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst unterstützt Ausbau der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität Gießen – Enge Kooperation mit der bundesweit ersten Holocaust-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt und dem Fritz Bauer Institut

Nach Frankfurt bekommt nun Gießen die zweite Holocaust-Professur Hessens: Prof. Dr. Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), übernimmt zum 1. Juni 2017 die an der JLU neu eingerichtete Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftungsprofessur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur sowie ihre Didaktik. Neben der literaturwissenschaftlichen und didaktischen Auseinandersetzung mit Holocaust- und Lagerliteratur ist das Ziel der Gießener Professur, die Erinnerung an den Holocaust durch einen aktiven Umgang mit der Literatur auch dann noch zu sichern, wenn die Generation der Zeitzeugen in naher Zukunft nicht mehr da sein wird.

Mit dieser Professur wird die Holocaustforschung in Hessen weiter gestärkt und vernetzt. Anfang Mai hatte Prof. Dr. Sybille Steinbacher die bundesweit erste Holocaust-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt angetreten, deren Fokus auf der Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust liegt. Steinbacher ist zudem Direktorin des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main, das die Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen erforscht und dokumentiert. Zwischen den beiden komplementär ausgerichteten Holocaust-Professuren in Gießen und Frankfurt sowie dem Fritz Bauer Institut wird es eine enge Zusammenarbeit auf der Grundlage des im Jahre 2015 abgeschlossenen Kooperationsvertrages geben.

Gefördert wird die Gießener Professur von der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich. Gleichzeitig unterstützt das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) über das Innovations- und Strukturentwicklungsbudget des Landes den Ausbau der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU bis Ende 2020 mit jährlich knapp 200.000 Euro.

Der Hessische Minister für Wissenschaft und Kunst, Boris Rhein, betont: „Die Unterstützung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur ist mir ein wichtiges Anliegen. Gerade die Dokumente der Opfer werden nach dem ‚Zeitalter der Zeitzeugen‘ eine überragende Bedeutung für die schulische Bildungsarbeit und insgesamt als Gedächtnis für die ganze Gesellschaft erhalten. Die damit verbundene Erweiterung der Forschung über die in Frankfurt angesiedelte Holocaust-Professur hinaus macht Hessen zu einem bedeutenden Zentrum in der Holocaustforschung.“

„Mit dieser Professur nimmt die Universität Gießen auch ihre Verantwortung an, an die dunklen Zeiten deutscher Geschichte zu erinnern“,  so JLU-Präsident Prof.. Dr. Joybrato Mukherjee. „Aus der ehrlichen und kritischen Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit beziehen wir Einsichten über die Gegenwart und lernen für die Zukunft: ‚Zukunft braucht Herkunft‘, wie der Gießener Philosoph Prof. Odo Marquard treffend formulierte. Ich freue mich daher sehr darüber, dass Prof. Sascha Feuchert seine hervorragende Arbeit als Leiter der international renommierten Arbeitsstelle Holocaustliteratur nun im Rahmen einer ordentlichen Professur fortführen kann.“

„Ich bin überaus glücklich, dass es diese Professur jetzt an der Justus-Liebig-Universität Gießen gibt“, so Prof. Dr. Sascha Feuchert. „Sie kann sicherstellen, dass die literarischen Zeugnisse über den Holocaust auch in Zukunft eine gesellschaftlich bedeutsame Rolle spielen können. Dass der Umgang mit Holocaust- und Lagerliteratur an der JLU Teil auch der Lehrerausbildung bleibt, ist gerade jetzt enorm wichtig.“

Sascha Feuchert, Jahrgang 1971, studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik für das Lehramt an Gymnasien an der JLU. Im Jahr 2003 promovierte er mit einer Arbeit zu „Oskar Rosenfeld und Oskar Singer – zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur“.  Am Institut für Germanistik der JLU ist er seit dem Jahr 2000 tätig, zuletzt als Vertreter der neuen Professur für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur und ihre Didaktik. Im Juli 2008 übernahm Feuchert die Leitung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU, deren stellvertretende Leitung er seit 2000 innehatte. Für seine Arbeit erhielt er verschiedene Auszeichnungen, darunter die Medaille „Für Verdienste um Gesellschaft und Wissenschaft“ der Universität Lodz, Polen, (2006) sowie den Wolfgang-Mittermaier-Preis für hervorragende akademische Lehre der Erwin-Stein-Stiftung (2009). Im Jahr 2009 wurde Feuchert zum Honorarprofessor am Department of World Languages (German Section) der Eastern Michigan University, USA, ernannt. Seit 2012 ist er Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter des PEN-Zentrums Deutschland.



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