am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Holocaustliteratur

Zur Begriffsdefinition (1)

"Holocaustliteratur" ist als Begriff und als literaturwissenschaftliches Thema spätestens seit den 1980er Jahren fest in der Wissenschaft etabliert. Ausgehend von den Vereinigten Staaten, dort maßgeblich von der Literaturwissenschaftlerin und Holocaust-Überlebenden Susan Cernyak-Spatz angestoßen, hat sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Holocaustliteratur auch in Deutschland zu einem vielfältigen Forschungsfeld entwickelt.

Die Definition des Begriffs "Holocaustliteratur" als eine Genre-Bezeichnung bedarf zunächst einer Klärung der Frage, was genau unter der Metapher "Holocaust" verstanden werden kann: An der Arbeitsstelle Holocaustliteratur gehen wir – ebenfalls im Anschluss an Cernyak-Spatz – von einem weiten Verständnis aus. Der Holocaust umfasst demnach alle Aspekte der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik beginnend mit den ersten Maßnahmen der Ausgrenzung unmittelbar nach Regierungsübernahme der Nationalsozialisten bis hin zu den Massenmorden während des Zweiten Weltkriegs. Dies schließt die Verfolgung von Juden, politischen Gegnern, Homosexuellen, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas und anderen ab 1933 ein.

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden war der Kern des Holocaust. Dieser Völkermord soll durch das breite Verständnis der Metapher "Holocaust" keinesfalls mit den anderen NS-Verbrechen gleichgesetzt werden. Im Hinblick auf die literaturwissenschaftliche Begriffsbildung für ein Genre wäre es aber verfehlt, beispielsweise die Erinnerungen eines deutschen Juden an seine Konzentrationslagerhaft von 1935 bis 1938 als Holocaustliteratur zu verstehen, die Erinnerungen eines nichtjüdischen Häftlings aus dem gleichen Lager zur gleichen Zeit aber auszuschließen. Dabei sollen die komplexen historischen Entwicklungen und Differenzierungen der Verfolgungspolitik natürlich nicht verwischt werden. In literaturhistorischer Hinsicht aber weisen die Textzeugnisse der verschiedenen Phasen der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik starke Bezüge zueinander auf. Es entwickelten sich bereits sehr früh Gattungskonventionen, die auch die später entstandenen Texte (bis heute) beeinflussen.

Nach dem Gießener Verständnis fallen unter Holocaustliteratur demnach alle literarischen Werke, die den Holocaust zentral behandeln. Das bedeutet, dass hierzu noch während des Geschehens verfasste Zeugnisse wie Tagebücher, Chroniken und andere ebenso zählen wie nachträglich verfasste Erinnerungen. Überdies umfasst der Begriff auch fiktionale Werke über den Holocaust wie Romane, Gedichte und Dramen, die entweder bereits zur Zeit des Holocaust oder aber erst nach Kriegsende entstanden sind. Dies können Texte von unmittelbar betroffenen Opfern und Überlebenden (oder Tätern), von Nachgeborenen der zweiten und dritten Generation oder aber von persönlich gänzlich Unbetroffenen sein.

Weiterführende Literatur:

Susan Cernyak-Spatz: German Holocaust-Literature. New York (u.a.): Lang 1985.

Sem Dresden: Holocaust und Literatur. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag 1997.

Sascha Feuchert [Hg.]: Holcaust-Literatur: Auschwitz. Stuttgart: Reclam 2000. S. 5-26.

Sascha Feuchert: Oskar Rosenfeld und Oskar Singer. Zwei Autoren des Lodzer Gettos. Studien zur Holocaustliteratur. Frankfurt/Main: Lang 2004. S. 13-54.

Andrea Reiter: „Auf daß sie entsteigen der Dunkelheit“. Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung. Wien: Löcker 1995.

Markus Roth: Gattung Holocaustliteratur? Überlegungen zum Begriff und zur Geschichte der Holocaustliteratur. In: Holý, Jiri (Hg.): The Aspects of Genres in the Holocaust Literatures in Central Europe / Die Gattungsaspekte der Holocaustliteratur in Mitteleuropa. Prag 2015. S. 13-23.

James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1997.


Drucken


TOP
Arbeitsstelle Holocaustliteratur
Otto-Behaghel-Str. 10 B / 1 · D-35394 Gießen · Deutschland
arbeitsstelle.holocaustliteratur@germanistik.uni-giessen.de
News-Ticker