am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Buchkritik: Nico Bleutge stellt Stanisław Wygodzkis Erzählband „Der Mann mit dem Karren“ als „Buch der Woche“ in der Sendung „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks vor

01.11.2026

27. September 2026

Am 27. September 2026 besprach Nico Bleutge in der Sendung „Büchermarkt“ im Deutschlandfunk den im Wallstein Verlag veröffentlichten Erzählband „Der Mann mit dem Karren“ des polnischen Schriftstellers Stanisław Wygodzki. Das im September 2026 als fünfter Band der an der AHL erarbeiteten „Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur“ erschienene Werk versammelt neun Erzählung, in denen Wygodzki die Grauen des Holocaust jenseits der Vernichtungslager sichtbar macht.

Wygodzki, 1907 in Będzin geboren und 1992 gestorben, war ein bedeutender polnischer Zeitzeuge. Als Einziger seiner Familie überlebte er, nachdem seine Frau, seine kleine Tochter und weitere Angehörige in Auschwitz ermordet worden waren. In seinen Erzählungen hält er die Brutalität des NS-Regimes und die Zerstörung menschlicher Beziehungen fest. Dabei richtet er den Blick insbesondere auf Menschen am vermeintlichen Rand der Gesellschaft sowie auf die alltäglichen Erfahrungen von Ausgrenzung, Hunger, Gewalt und Erniedrigung.

Bleutge hebt in seiner ausführlichen Besprechung vor allem Wygodzkis Erzählweise hervor: Mit großer Detailgenauigkeit und einer eindringlichen Verdichtung der Situationen führt der Autor seine Figuren in existenzielle Grenzsituationen. Anhand einzelner Erzählungen wie „Der Strick“, „Das Wunschkonzert“, „Im Regen“ und der titelgebenden Geschichte „Der Mann mit dem Karren“ zeigt Bleutge, wie Wygodzki Fragen nach Schuld, Verantwortung, Menschlichkeit und moralischen Dilemmata literarisch verhandelt. Zugleich verweist er auf die enge Verbindung zwischen autobiografisch Erlebtem und recherchierten Ereignissen, die Wygodzkis Schreiben prägt.

Ein besonderes Verdienst der Neuerscheinung sieht Bleutge darin, einen im deutschen Sprachraum heute fast vergessenen, bedeutenden Chronisten des Holocaust wiederzuentdecken. Bereits 1965 erschien in der DDR ein Erzählband Wygodzkis unter dem Titel „Der kleine Satan“. „Der Mann mit dem Karren“ vereint diese Erzählungen nun mit drei weiteren, erstmals übersetzten Texten. Zudem ist das Buch mit einem „sehr lesenswerten Nachwort“ der Mitherausgeberin Ewa Czerwiakowski versehen, so Bleutge.

Trotz der Schonungslosigkeit seiner Erzählungen habe Wygodzki nie die Hoffnung aufgegeben, dass aus der Katastrophe des Holocaust gelernt werden könne. Es lohne sich sehr, resümiert Bleutge, „aller Härte zum Trotz, die Erzählungen dieses großen Biographen zu lesen“.

Den Beitrag von Nico Bleutge können Sie in voller Länge hier nachlesen bzw. hier hören. Eine Bestellmöglichkeit für den Band finden Sie hier beim Wallstein Verlag.
 

Stanisław Wygodzki:
Der Mann mit dem Karren

Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Doris Hammer-Petrová, Jutta Janke, Ingrid Kuhnke und Hans Gregor Njemz
Mit einem Nachwort von Ewa Czerwiakowski
Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur; Bd. 5
Göttingen: Wallstein Verlag
208 Seiten
ISBN 978-3-8353-5848-5
€ 26,00 (D) / € 26,80 (A)


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