am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Sascha Feuchert: Holocaust-Literatur. Auschwitz

Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Auschwitz. Freundeskreis der Auschwitzer. 20 (2000), Heft 1, S. 12-15.

Im Reclam-Verlag erschien erstmals ein Sammelband mit Texten von Überlebenden des nazistischen Massenmordes

Die Memoiren von Überlebenden des Holocaust sind zu einer Literaturgattung des 20. Jahrhunderts geworden. Es sind autobiografische Aufzeichnungen, in denen die Verfasserinnen und Verfasser von der extremen Gewalt berichten, der sie unterworfen waren. "Sie sind auch dort, wo dies nicht thematisiert wird, dennoch insgesamt Ausdruck einer Leidens-, Schmerz- und Überwältigungserfahrung und - das ist nun das Besondere - sie werden darum gelesen, mehr noch: es wird ihnen aus diesem Grunde eine Deutungsautorität zugesprochen", so Jan Philipp Reemtsma in einem Vortrag. Der Hamburger Sozialwissenschaftler und Publizist geht darin unter anderen der Frage nach, warum sich dies so entwickelt hat. Zuvor fand - von wenigen Ausnahmen abgesehen - Leid nur dann "literarische Salonfähigkeit", wenn es über den Umweg durch einen Autor beschrieben wurde, der nicht mit der leidenden Hauptfigur identisch war: "Wir lesen Shakespeares King Lear und nichts Lears Tagebücher (...), wir lesen die Troerinnen des Euripides und nicht die Memoiren der Hekabe.

Wenn heute der Massenmord an den europäischen Juden als "Zivilisationsbruch" bewertet wird und nicht nur als "eine Katastrophe mehr im so katastrophenreichen Europa", so ist zu beachten, dass dies nicht von Anfang an so gesehen wurde, weder von jüdischer noch von nichtjüdischer Seite. Es war zwar etwas Außerordentliches, aber "es war eben etwas, was neben vielen anderen Untaten und vielem anderen Unglück in diesem Krieg geschehen war", zitiert Reemtsma hier Ruth Klüger. Und er verweist auch darauf, dass die Allierten nicht wegen Auschwitz Krieg gegen Nazi-Deutschland geführt haben.

Dass wir heute den Holocaust als einen "Zivilisationsbruch" sehen, "ist nicht die Voraussetzung für unsere Lektüre der Autobiographien der Überlebenden, sondern mit deren Ergebnis". Reemtsma kommt zur Schlussfolgerung: "Trostbüchlein sind es nicht, keine Dokumente des Weltvertrauens, aber als Dokumente des Überlebens und der Schilderung des Entsetzens und des Entsetzlichen bleiben sie paradoxe Zeugnisse des Fortlebens einer Zivilisation, die in den Lagern zerstört wurde - auch dort, wo sie, wie im Fall Roman Fristers, dieses zu dementieren scheinen. Die Frage nach dem Woher der moralischen Autorität dieser Memoiren Überlebender lässt sich beantworten: Nur in diesen Texten wird das Ausmaß der Zivilisationskatastrophe, weil im Detail zur Kenntnis genommen, nicht verleugnet. Nur in diesen Texten wird wirklich deutlich, dass die Rede vom "Zivilisationsbruch" keine wohlfeile Rede ist. Wir sprechen nicht von irgendeiner der historischen Katastrophen. "An keinem anderen Ort und zu keiner anderen Zeit hat man ein derart unerwartetes und derart komplexes Phänomen beobachtet: niemals sind so viele Menschenleben in so kurzer Zeit mit einer derart luziden Kombination von technischer Erfindungsgabe, Fanatismus und Grausamkeit ausgelöscht worden", schreibt Primo Levi."
Die Metapher "Holocaust"

Die Tatsache, dass die Memoiren Überlebender des Holocaust zu einer Literaturgattung geworden sind, trug die Universität Gießen Rechnung als sie vor Jahresfrist am Fachbereich Germanistik die Arbeitsstelle "Holocaust-Literatur" einrichtete. Sascha Feuchert, Mitarbeiter dieser Arbeitsstelle, hat nun im Reclam-Verlag erstmals einen Band "Holocaust-Literatur: Auschwitz" herausgegeben, in dem er eine Auswahl von Erinnerungstexten von überlebenden Opfern (sowie auch von zwei Tätern) versammelt.
In dem oben erwähnten Essay hat Jan Philipp Reemtsma nebenbei auch auf Raul Hilberg hingewiesen, der berichtete, dass die "Holocaust Studies" in den USA während des Vietnamkrieges populär wurden, als man nach Traditionen moralisch gerechtfertigter Kriege suchte. In der Folge dieser Stimmung entstand die TV-Serie Holocaust. Als diese 1979 auch in Deutschland ausgestrahlt wurde, sollte sie sich als Auslöser erweisen, dass auch hierzulande der Begriff "Holocaust" zur Metapher wurde, für den Massenmord, den die Deutschen während des Dritten Reiches an den von staatswegen nach rassistischen Kriterien zu "Untermenschen" deklarierten Völkern und Bevölkerungsgruppen exekutierten.

Die kontroverse Diskussion über den Bedeutungsgehalt dieser Metapher hat Sascha Feuchert in der Einleitung zu seinem Sammelband instruktiv und spannend erläutert. Dies macht das Buch, das in der renommierten Reclam-Reihe "Arbeitstexte für den Unterricht" erschienen ist, auch für Leserinnen und Leser bedeutsam, die nicht im schulischen oder außerschulischen Bildungsbereich tätig sind.

Die erste deutsche Kritik, die gegen die "Gedankenlosigkeit" der US-Fernsehproduzenten aufkam, weil "Holocaust" in seiner ursprünglichen Wortbedeutung "Brandopfer" als eine Sinngebung des Massenmords verstanden wurde, übersah, dass "Holocaust" als Begriff in den USA längst gebräuchlich war. Die Rekonstruktion, wie sich die Metapher im englischen Sprachgebrauch für die "Endlösung", also den Mord an den Juden, einbürgte, ist lohnend und "weit mehr als eine bloße philologische Fingerübung", wie Feuchert schreibt und im folgenden überzeugend darstellt. Zur Sprache kommt hier auch die innerjüdische Auseinandersetzung und die Abgrenzung bzw. Gleichsetzung mit dem hebräischen Wort "Shoah".

Feuchert schließt sich dem Vorschlag des Philosophen und Sozialwissenschaftlers Jürgen Habermas an, den dieser im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal in Berlin unterbreitet hatte. Demnach "wird der zuerst eingebürgerte Kollektivname "Auschwitz" fast gleichbedeutend mit dem später übernommenen Ausdruck "Holocaust" gebraucht. Tatsächlich erstreckt er sich aber nicht nur auf das Schicksal der Juden. Als Pars pro toto meint er das komplexe Vernichtungsgeschehen im ganzen" (Zitat Habermas). Unter "Holocaust" ist also die Gesamtheit der Repressions- und Vernichtungspolitik gegen alle Opfergruppen zu verstehen. "Dabei bleibt klar, dass den Zwangs- und Vernichtungsmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung - nicht zuletzt wegen ihrer Dimension - stets eine besondere Beachtung zukommen muss." (Feuchert)

Dieser erste Teil der Einleitung wird ergänzt durch den Abdruck einer längeren Passage aus der "Enzyklopädie des Holocaust" (hrsg. von Israel Guttman, 2 1998), in dem die wichtigsten Informationen zur Geschichte und zur Bedeutung des Konzentrationslagers Auschwitz dargestellt werden. Bereits hier lässt sich ersehen, wie und in welchem Maße die Geschichtswissenschaft auch auf die Zeugnisse der Überlebenden Bezug nimmt. "Die Schrecken von Auschwitz sind im internationalen Sprachgebrauch zum Synonym für Unmenschlichkeit geworden", heißt es abschließend in dem Enzyklopädie-Artikel.

Primo Levi, Elie Wiesel, Ruth Klüger, Tadeusz Borowski, Wieslaw Kielar, Fania Fenelon sind die hierzulande wohl bekanntesten Namen von Überlebenden des Holocaust, deren schmerzlichen Erinnerungen das Wissen und die Literatur über den millionenfachen Völkermord des Deutschen Reiches an Juden, Roma und Sinti sowie den ebenfalls zu Untermenschen stigmatisierten slawischen Völkern - vor allem Polen und Russen - bestimmt haben. Zusammen mit Beispielen weniger bekannter Autorinnen und Autoren (insgesamt 18 Beiträge) bilden sie den Hauptteil der Reclam-Sammlung. Es wurden Textauszüge ausgewählt, die "die uneinheitlichen Häftlingsgruppen berücksichtigen, die von verschiedenen Zeiten des Lagers berichten, die die uneinheitlichen "Lebens"-Bedingungen von Männern und Frauen reflektieren und die drei großen Teile des Lagerkomplexes Auschwitz auf uneinheitliche Weise interpretieren: Auschwitz I-Stammlager, Auschwitz II-Birkenau und Auschwitz III-Monowitz".

Ergänzt werden die Berichte der überlebenden Häftlinge durch Niederschriften von zwei Tätern (Aussagen des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss und Tagebuchnotizen des SS-Arztes Johann Kremer). Denn den Opfern gebührt ohne Zweifel unser Mitgefühl, aber "den Verbrechern gebührt unsere Aufmerksamkeit, damit wir Bescheid wissen - zur Mahnung", so Hanna Krall, die polnische Schriftstellerin, die wie keine zweite die Schicksale der Opfer und die "Leerstellen, die die Toten hinterlassen haben", in ihren Büchern beschrieben hat.

Der 232 Seiten starke Reclam-Band wird abgerundet durch ein hilfreiches Glossar zu Begriffen des Lagersystems und des Lageralltags sowie von Arbeitsvorschlägen, wie die Texte im Unterricht - auch fächerübergreifend, wie Feuchert betont - eingesetzt werden können (sie wurden so ausgewählt, dass sie ab dem 9. Schuljahr Verwendung finden können). Übersichtlich ist zudem das Quellen- und Literaturverzeichnis, das auch einige nützliche Hinweise für die Recherche im Internet umfasst.

Herausgeber Sascha Feuchert begründet die Notwendigkeit der Beschäftigung mit Auschwitz und dem Holocaust mit einem Hinweis auf den Soziologen Wolfgang Sofsky. Für Sofsky ist grundsätzlich alles, was Menschen sich gegenseitig antun und voneinander erleiden, verstehbar. "Wo man sich hinter der Rede von der Unverstehbarkeit beziehungsweise Unvorstellbarkeit versteckt, da will man nicht verstehen", fasst Sascha Feuchert die Schlussfolgerungen Sofskys sowie das Anliegen seines Buches zusammen.

von Hans Hirschman

BILD-Zeitung, 15.12.2000

Erschütterndes: ernstes Thema, einfühlsam aufbereitet, ohne gespielte Betroffenheit. In Sascha Feucherts "Holocaust-Literatur: Auschwitz" erzählen Häftlinge und Täter vom "Leben" im KZ - interessant, ergreifend, nah (Reclam, 10 Mark). 

Deutsche Bücher 4/2000:

Sascha Feuchert hat für die Sekundarstufe I (ab der 9. Klasse) eine Sammlung von Texten besorgt, geschrieben ausschließlich von Menschen, die selbst im Vernichtungslager Auschwitz gewesen sind. Es geht dabei um unterschiedliche Häftlingsgruppen (neben jüdischen Häftlingen auch politische und Sinti-Roma) und um zwei Tätertexte (Aussagen von Rudolf Höß und Tagebuchnotizen von Johann Kremer, vom 30.08. bis 17.11.1942 Arzt in Auschwitz). Nach einer gut gegliederten und klar geschriebenen Einleitung, worin Verf. auf verständliche Weise den besonderen Stellenwert des Fiktionalen in der hermeneutisch-interpretativen Textarbeit im allgemeinen in Auseinandersetzung mit James E. Young und Sem Dresden bestimmt, begründet er seinen Entschluß, sich auf Augenzeugenberichte zu beschränken und Auschwitz als Verortung und pars pro toto des Genozids zu wählen. Eine Bestimmung der Begriffe Shoa, Churban (= religiös-orthodoxe Einbindung in jüdische Geschichte) und Holocaust (aus dem amerikanischen Sprachgebrauch eingebürgert) ist ebenfalls Teil der Einleitung. Es ist ein ebenso mutiges wie sinnvoll-pädagogisches Ziel, Schüler mit den erschütternden Zeugenberichten des grauenvollen Ortes der Vernichtung zu konfrontieren: "Wissen und Erinnerung sind ein und dasselbe", so hatte Saul Friedlander einmal gesagt. Die Schüler werden nahezu unerträgliche Zeugnisse lesen müssen, z.B. das von Ruth Elias, die heute noch in Israel lebt, über Geburt und Tod ihres Kindes, wobei Mengele eine teuflische Rolle spielte (S. 114-126). Sie werden der ethischen Ausweglosigkeit von Auschwitz in dem Beitrag von Ruth Klüger (S. 130-138) und Roman Fristers Geschichte vom Mützendiebstahl (S. 167-173) begegnen und aus Primo Levis wiederholt geträumten Traum über den "gegebenen und nicht angehörten Bericht" (S. 63) hoffentlich die Konsequenz ziehen, dass es keine Zeit mehr zu verlieren gilt, da Hören sonst zu spät kommt.

von Elrud Ibsch

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