am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Oskar Singer: Im Eilschritt durch den Getto-Tag

Meldung der Nachrichtenagentur AP vom 5. Juni 2003, Literatur & Lesen, Flaschenpost aus dem Lodzer Getto Oskar Singer: "Im Eilschritt durch den Gettotag"

Reportagen für den Leser der Zukunft

Frankfurt/Main (AP) "Es ist richtig, dass das Getto eine lernaeische Schlange ist. Aber es ist organisiert. Es ist geleitet von Menschen, die trotz allen menschlichen Unzulänglichkeiten doch ein einziges grosses Ziel vor sich sehen: diese Gemeinschaft in eine bessere Zeit hinüberzuretten. Dieser Wille ist ehrlich und stark. Wird er stark genug sein?"

Eine Tagebucheintragung vom 15. Mai 1942 aus dem Getto Lodz beziehungsweise Litzmannstadt, wie die deutschen Nationalsozialisten den polnischen Ort umbenannten. Der Judenrat gründete dort eine Statistische Abteilung mit dem Ziel, Quellen bereitzustellen "für zukünftige Gelehrte, die das Leben einer jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten studieren". Der Abteilungsleiter, der Prager Journalist Oskar Singer, zieht daraufhin wie ein Reporter durchs Getto. Auszüge aus seinem rund 2.000-seitigen Material, das überwiegend im Staatsarchiv Lodz lagert, wurden nun von einem deutsch-polnischen Forscherteam als Buch herausgegeben.

Singer schildert den grauenvollen Alltag mit der Distanz eines Beobachters, doch seine Kommentare treffen ins Schwarze: "Wird der Epigone (der Nachgeborene) wissen, was einige Tage im Getto bedeuten, wenn sie ohne Suppe vergehen?" fragt er und verdeutlicht den Hunger damit vielleicht besser als so manche Statistik. Im Getto "sind ein paar tausend Kilogramm verdorbene Kartoffeln schon eine kleine Katastrophe und ein paar Waggons vernichteter Rüben die Ursache eines Massensterbens."

Im Gegensatz zu den Untergrundarchiven aus anderen Gettos haben die Lodzer Chronik und die ergänzenden Reportagen Singers offiziellen Charakter. Die Statistische Abteilung war der so genannten jüdischen Selbstverwaltung von den deutschen Kommandeuren genehmigt worden. Allerdings mussten die Mitarbeiter stets mit Kontrollen rechnen. Singers kritische Anmerkungen zielen denn auch fast ausschliesslich nach innen.

So beschreibt er, wie sich Gettobewohner im Kampf ums Überleben gegenseitig betrügen, indem sie etwa einen mit Papier ausgestopften Brotlaib teuer verkaufen. "Der Mensch im Getto ... ist schlechter, als sein Selbsterhaltungstrieb es erlaubt", resümiert er und beklagt ein allgemeines Absinken der Ethik. Andererseits zeigt er, wie viele seiner Leidensgenossen versuchen, sich allen Umständen zum Trotz noch etwas Würde zu bewahren.

Mit Sarkasmus kommentiert Singer, wie jüdische Vorgesetzte ihre Untergebenen zur Arbeit antreiben: "Der Abteilungsleiter ... will Produktion nachweisen. Auch im Getto will man Karriere machen." Und zur Bürokratie merkt er ironisch an: "Aber Mensch, Menschlein im Getto, zerbrich dir doch nicht den Kopf. Unser Gettomonopol denkt schon für dich!"

Mit Ironie begegnet Singer auch dem despotischen Judenältesten Mordechaj Chaim Rumkowski - oft gerade dann, wenn er dessen Fürsorge für seine Gemeinde überschwänglich lobt. Da er vom Wohlwollen des Präses abhängig ist, lässt er dessen umstrittene Rolle aber weitgehend unangetastet. Rumkowski sieht in harter Arbeit für die deutsche Kriegsproduktion die einzige Überlebenschance der Gettobewohner. Singer bekräftigt dies auf seine Art: "Gebt uns Arbeit, Aufträge, wir machen alles aus Dreck und Mist! Wir wollen leben, nur leben..."

Mit dem 211. Eintrag des Jahres 1944 endet die Chronik. Im August werden die letzten Bewohner des Lodzer Gettos in die NS-Vernichtungslager deportiert. Singer kommt nach Auschwitz-Birkenau und wird vermutlich noch am Ankunftstag umgebracht. Zurück bleibt eine authentische Dokumentation von Lebenswillen, Selbstbehauptung und Würde unter unwürdigen Bedingungen. Dies allein kann als Akt des Widerstands gewertet werden.

(Oskar Singer: "Im Eilschritt durch den Gettotag", Hrsg. von Sascha Feuchert u.a., Philo Verlagsgesellschaft, ISBN 3-8257-0281-2, 277 Seiten, 19,90 Euro)

"Das Parlament" Nr. 5 vom 27.01.03 S. 19 Oskar Singers einzigartige Protokolle aus dem Ghettoalltag

Erosion von Solidarität und Moral Oskar Singer war 48 Jahre alt, als er im Oktober 1941 aus Prag nach Lodz, das die Nationalsozialisten Litzmannstadt nannten, deportiert wurde. In Prag war er als jüdischer Journalist. Zionist und Dramatiker bekannt; sein Zeitstück "Herren der Welt" stand 1935 auf dem Spielplan der Jüdischen Kammerspiele und öffnete denen, die es sehen wollten, die Augen über nationalsozialistische Barbarei. 1939 war Singer Chefredakteur des Jüdischen Nachrichtenblatts in Prag geworden. In Lodz wurde er Autor und schließlich Leiter der Ghetto-Chronik, die im Auftrag des Judenrats in der "Statistischen Abteilung" geschrieben wurde, um der Nachwelt authentische Informationen" über "Das Leben einer jüdischen Gemeinschaft in einer ihrer schwersten Zeiten" zu bieten. Singer hat neben seiner Tätigkeit als Chronist, als Journalist, als Schriftsteller für den Tag gearbeitet. In Essays, Notizen, Artikeln hat er für imaginäre Leser, für Epigonen, die er erst jetzt erreichen kann, den Alltag der Ghettos nicht nur beschrieben, sondern zum Gegenstand der Reflektion gemacht. Singers Skizzen sind hervorragend recherchierte und klassisch stilisierte – der Autor schrieb das Prager Deutsch der hochgebildeten Juden – Texte zur Sozialgeschichte des Ghettos, schnörkellos präzise Beschreibungen des Arbeitslebens, der Werkstätten im Ghetto, in denen für die Deutschen Rüstungsgüter und anderes hergestellt wurde, Mützenmacherei, das Ressort für Altmaterial, die Teppichweberei, die Filzpantoffelherstellung, die Korbflechterei, Näherei und Strickerei. Die journalistischen Beiträge für die Alben, die dem Judenältesten Rumkowski überreicht wurden, um das Wohlgefallen des Despoten zu erregen, sind eine einzigartige Mischung aus klirrender Ironie mit serviler Liebdienerei, wenn er etwa die Anstrengungen beschreibt, die Arbeitskraft der Ghetto-Bewohner in "Kräftigungsküchen" oder in Erholungsheimen zu regenerieren: "... erst M. Ch. Rumkowski schuf den absoluten Urlaub. Kurz, aber unvergesslich. Er hob ihn aus der Relativität: der sozialen Unterschiede hinauf zum Absoluten des Ghettolebens und machte so daraus einen Meilenstein des Lebens. Hier erst erkannte der Mensch zum ersten Mal im Leben Sinn und Wert eines Urlaubs – eines Rumkowski!-Urlaubs. Unschätzbar Oskar Singers "Reportagen", unter diesem Oberbegriff sind die Arbeiten im Archiv aufgefunden worden, sind Protokolle zur Sozialgeschichte des Ghettos und von unschätzbarem Wert. Dass sie in einer sorgfältigen (gelegentlich allzu bemühten) Edition jetzt allgemein verfügbar sind, ist dankbar zu konstatieren. Das Herzstück bilden 16 Texte unter dem Rubrum "Zum Problem Ost und West", die in dichter Folge im Juni 1942 geschrieben wurden. Es geht darin um das Verhältnis der Ostjuden, die in Lodz als autochthone Bevölkerung lebten und die im Ghetto bereits ansässig sind, zu den Westjuden aus Deutschland, Österreich und Prag, die als neu "Eingesiedelte" kommen. Die wechselseitige Abneigung, die kulturelle, religiöse, soziale Spannung zwischen den unterschiedlichen Gruppen, die durch das gemeinsame Verfolgungsschicksal nicht geeint werden konnten, beschreibt Singer, der den Mangel an Solidarität beklagt und die Erosion der Moral registriert. Von den Nationalsozialisten, den Deutschen, der SS ist kaum je die Rede. Ost- und Westjuden Die Spannungen zwischen Ost- und Westjuden beschreibt und erklärt Singer, ohne den äußeren Druck zu thematisieren, unter dem die Deportierten gleichermaßen standen. Er beschreibt die Zwangsgemeinschaft des Ghettos als System mit eigenen Antagonismen: "Der echte deutsche Jude brachte auch allerhand Eigenschaften mit, die ihm sehr schnell die Sympathien verscherzten, soweit solche überhaupt vorhanden waren. Das erste, was er tat, war eine verletzende Kritik aller äußeren Umstände des Ghettos. Die Erscheinungsform des Ghettolebens verwechselte er mit den normalen Lebensbedingungen des Ostens... Jeder deutsche Jude wollte schon sofort nach Ankunft organisieren. Nun, das Ghetto war aber schon organisiert, und zwar besser, als der deutsche Jude auch nur ahnte." Im August 1944 wurde Oskar Singer nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Wir verdanken ihm außerordentlich wichtige Texte zur Realität des Ghettolebens, die jetzt endlich ein Publikum finden können. (Wolfgang Benz)

Newsletter. Zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Informationen des Fritz Bauer Instituts, Nr. 25, Herbst 2003 Reportagen aus dem Ghetto Lodz

Oskar Singer: "Im Eilschritt durch den Gettotag..." Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz. Hg. von Sascha Feuchert, Erwin Leibfried, Jörg Riecke sowie Julian Baranowski, Krystyna Radzisiewska und Krzysztof Wozniak. Berlin, Wien: Philo Verlagsgesellschaft, 2002, 277 S., Abb., € 19.90 Von Andrea Löw, Bochum Der Prager Schriftsteller und Journalist Oskar Singer (1893-1944) wurde am 26. Oktober 1941 mit seiner Frau Margarethe und seinen Kindern Ilse und Erwin ins Ghetto Lodz deportiert. Er fand eine Anstellung in der Statistischen Abteilung des "Ältesten der Juden in Lodz, zu der auch ein Archiv gehörte. Bereits seit Januar 1941 führten dessen Mitarbeiter eine tägliche Chronik, deren Hauptautor Singer später war. Er wurde zum Reporter des Ghettos, eilte überall umher, beobachtete, sprach mit Leuten, notierte. Am Anfang fanden seine Reportagen und Essays oft keinen Eingang in die zu dieser Zeit noch polnisch geführte Tageschronik. Diese frühen Texte Oskar Singers wurden nun gemeinsam von deutschen und polnischen Wissenschaftlern herausgegeben. Der größte Teil der Dokumente stammt aus dem Staatsarchiv in Lodz, einige Texte aus dem des YIVO Institute für Jewish Research in New York. Am 30. April 2000, dem 60. Jahrestag der Schließung des Ghettos, vereinbarte die Justus-Liebig-Universität Gießen mit der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, der Universität Lodz sowie dem Staatsarchiv Lodz die vollständige Herausgabe der genannten Tageschronik. Während der Vorarbeiten stießen die Herausgeber im Staatsarchiv Lodz auf eine Mappe mit dem Titel "Reportagen". Sie entschlossen sich, auch diese Texte Oskar Singers zu publizieren, und zwar im deutschen Original sowie in polnischer Übersetzung. Zuvor waren nur Auszüge dieser Schriften Singers veröffentlicht werden. Oskar Singer wendet sich in seinen Texten häufig an einen zukünftigen Leser, hat offenbar in dem Bewusstsein geschrieben, damit zur Erinnerung an das Ghetto und dessen Geschichte beitragen zu können. Und er versucht, die Lebenswelt der Eingeschlossenen möglichst umfassend und sachlich aufzuschreiben. Allerdings ist er, wie Sascha Feuchert einleitend betont, bei aller Objektivität doch immer präsent. Dieses Reporterideal des "Dabeisein, aber nicht dazugehören" ist, wie Feuchert betont, für Singer existentiell: Es "erlaubte es dem Autor im Akt des Schreibens, sich mindestens mental und für einen kurzen Augenblick außerhalb der Geschehnisse zu stellen, einen Blick zu gewinnen, der tatsächlich von einem ‚Danach’ ausgehen kann und an eine Überwindung des Grauens glaubt." (S.12) Singer berichtet über Fabriken im Ghetto, über verschiedene Ereignisse sowie über bekannte Persönlichkeiten. Auch mit der allgegenwärtigen Korruption, mit dem Verfall der Moral setzt er sich auseinander: "Eines wird der Historiker niemals untersuchen können: das Absinken der Ethik. Das muss man erlebt haben." (S. 52) Eine Erklärung gibt Singer an einer anderen Stelle: "Hunger macht ja keine feineren Sitten. Hunger gib dem Selbsterhaltungstriebe Nahrung und schafft eine Atmosphäre der Rücksichtslosigkeit." (S. 187) Im Juni 1942 verfasste Oskar Singer seine Essays "Zum Probleme Ost und West", die nach den allgemeineren Texten den zweiten Teil der Edition bilden. Vom 16. Oktober bis zum 4. November 1941 wurden knapp 20.000 Juden aus dem Deutschen Reich, dem Protektorat Böhmen und Mähren sowie Luxemburg ins Ghetto in Lodz deportiert. Singer sucht die Gründe für den Konflikt zwischen "West-" und "Ostjuden" innerhalb der Gesellschaft des Ghettos, zentral sind für ihn Vorurteile, kulturelle Unterschiede sowie enttäuschte Erwartungen. Indem er die Rolle des Nationalsozialisten nicht zur Kenntnis nimmt, negiert er eine von außen bestimmte Politik, die in letzter Konsequenz für jeden im Ghetto den Tod vorsieht. Beim dritten Teil der hier veröffentlichten Arbeiten Singers handelt es sich um Texte für ein Album, in dem die einzelnen Arbeits-Ressorts beschrieben werden und welches dem Vorsitzenden des Judenrats, Mordechai Chaim Rumkowski, überreicht wurde. Fehlt in den anderen Texten die Kritik an Rumkowski, die so bezeichnend für die meisten Aufzeichnungen aus diesem Ghetto ist, so wird ihm auf diesen Seiten gar gehuldigt. Lucille Eichengreen, die acht Monate lang Singers Sekretärin war, betont jedoch, er habe für dieses Album vermutlich eine "Extraration Essen" bekommen. Sie sagte in einem Interview mit den Herausgebern: "Es war auf jeden Fall nicht seine wirklich Meinung über Rumkowski, vor dem er stets große Angst hatte." (S. 14) Bei der Edition der Texte Oskar Singers erweist sich die Interdisziplinarität des Herausgeberteams als großer Vorteil: Literatur- und Sprachwissenschaftler sowie Historiker arbeiteten hier zusammen. Den von Sascha Feuchert eingeleiteten Band runden Aufsätze von Jörg Riecke zur Sprache Oskar Singers und von Julian Baranowski zur Geschichte des Ghettos ab. Wenn man diesen Dokumenten denn "gerecht" werden kann, dann wohl auf diese Art und Weise. Denn sie sind eine einzigartige Quelle, konkretisieren das Wissen über das Ghetto Lodz und zeigen, was die antijüdischen Maßnahmen für die dort Eingeschlossenen bedeuteten, und dies aus zeitgenössischer Perspektive. Gleichzeitig ist jedoch auch das Schreiben an sich von Bedeutung, nicht nur das "Was", sondern eben auch das "Wie" verdient Beachtung. Am 6. August 1942 notierte Oskar Singer: "Und diese Stadt wird leben, weil sie so leidenschaftlich leben will." (S. 120) Die allermeisten Menschen dieser Stadt, dieses Ghettos, überlebten nicht. Und auch Oskar Singer wurde im August 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Aber die Erinnerung an ihn, an die Menschen im Ghetto Lodz lebt weiter – auch durch diese hervorragende Edition.

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