am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Sonja Grabowsky: „Meine Identität ist die Zerrissenheit“. ‚Halbjüdinnen’ und ‚Halbjuden’ im Nationalsozialismus

Nur wenige Untersuchungen haben sich bislang den Erfahrungsgeschichtender ‚Halbjüdinnen′ und ‚Halbjuden′ im Nationalsozialismus gewidmet.

Dafür gibt es mehrere Gründe, wie Sonja Grabowsky in ihrer 2012 veröffentlichten Dissertation herausarbeitet. Zum einen war die Gruppe der sogenannten ‚Mischlingsjuden′oder ‚Halbjuden′ verhältnismäßig klein. In einer Volkszählung von 1939 zählte man etwa 70.000 ‚Mischlinge ersten Grades′, das entsprach etwa 0,09 Prozent der Bevölkerung. Zudem bildeten sie aufgrund der Verschiedenheit der Familienkonstellationen und Religionszugehörigkeit keine homogene Gruppe. Nur ein geringer Prozentsatz verstand sich als religiös jüdisch, 78 Prozent der Kinder aus den sogenannten ‚Mischehen′ gehörten einer christlichen Konfession an. Auch die Verfolgungsgeschichten und die Wahrnehmung der Zeit des Nationalsozialismus unterscheiden sich innerhalb der Gruppe bis heute zum Teil wesentlich. Ein gemeinsames kollektives Gedächtnis der Verfolgung existiert offenbar nicht.

Die Zuschreibung als ‚Mischling′ und ‚Halbjude′ war ein von außen übergestülptes soziales Konstrukt der Nationalsozialisten. Dennoch hatte die Klassifizierung für die Betroffenen häufig nicht nur Bedeutung während der NS-Zeit, sondern hat auch das Leben nach 1945 weiterhin geprägt.

Dies arbeitet Grabowsky in ihrer Studie anhand von Interviews mit Menschen heraus, die aufgrund der Rassekategorien der Nationalsozialisten zu ‚Mischlingen 1. und 2. Grades′ gehörten. Von 16 Interviewpartnern hat sie für die vorliegende Studie sechs Interviews ausgewählt. Alle Betroffenen hatten jeweils einen jüdischen und einen nicht-jüdischen Elternteil, die meisten waren vor der NS-Zeit weniger in ein jüdisches als in ein nicht-jüdisches Umfeld eingebunden. Ab 1933 wurden sie jedoch sukzessive aus der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen und ihnen mit dem Konstrukt ‚Mischling′ oder ‚halbjüdisch′ eine neuer Status aufgezwungen.

Das vereinende Merkmal dieser heterogenen Gruppe ist die Zerrissenheit, die Ambivalenz zwischen der Zuschreibung ‚jüdisch′ und ‚arisch′. Grabowsky stellt dieses Ambivalenzphänomen in den Vordergrund ihrer Untersuchung und untersucht den Zusammenhang der stigmatisierenden Klassifizierung und deren Ausprägung auf die Identität bzw. die Biografie der interviewten Personen. Die Zuordnung ‚Mischling′ hatte nicht nur unmittelbare Konsequenzen für die Betroffenen: Verfolgung, Flucht und auch Lebensgefahr für den jüdischen Teil der Familie, sondern auch Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung und -wahrnehmung der Betroffenen. Die Zuschreibung löste innere Zerrissenheit und ein Gefühl des ‚Dazwischen′ aus, "kurz: Ambivalenz in vielerlei Hinsicht" (S. 240) so Grabowsy.

Sie stellt dabei zunächst die demografischen Strukturen und Entwicklung der ‚Mischlinge′ dar. Sie skizziert differenziert und anschaulich die christlich-jüdischen Mischehen seit 1875 und die Rassedefinition der Nationalsozialisten.

Ausführlich erläutert sie zudem das thematische und methodische Vorgehen bei der Interviewführung, hier arbeitet sie wissenschaftstheoretisch die Begriffe ‚Trauma′ und ‚Amivalenz′ auf.

Anhand von Interviewausschnitten wird dann das subjektive Amibivalenz-Verständnis der in den sechs Falldarstelllungen Befragten herausgearbeitet und schließlich zusammengeführt und miteinander kontrastiert. In welchem Maße die Ambivalenz-Erfahrungen auftraten und welche Ausprägung sie nahmen, hat, so schließt Grabowsy, auch mit dem Alter der Betroffenen während des Nationalsozialismus zu tun. Die Erfahrungen der Personen, die zum Zeitpunkt der Verfolgung bereits ein Alter erreicht hatten, in dem sie selbst direkt von den Diskriminierungsmaßnahmen eingeschränkt wurden, unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von denjenigen, die zum Zeitpunkt der Verfolgung noch Kinder waren. Sie waren den "nationalsozialistischen Verordnungen und Gesetzen nicht unmittelbar unterworfen, sondern wurden vor allem durch die familiäre Verfolgung geprägt" (S. 230).

Auch die religiöse Ambivalenz spielt hier eine größere Rolle, das Bestreben beide Religionen und Identitäten in sich zu vereinen.

Mit ihrer Studie hat Sonja Grabowsky sich sehr differenziert mit einer bislang in der Forschung zum Nationalsozialismus wenig beachteten Opfergruppe auseinandergesetzt und die Forschung zur Verfolgungsgeschichte damit um einen weiteren wichtigen Aspekt ergänzt.


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