am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Leslie Schwartz: Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau. Ein Junge erkämpft sein Überleben

Leslie Schwartz ist 10 Jahre alt, als seine jüdische Schule plötzlich geschlossen wird. Die Lehrer werden entlassen und verschwinden. Fortan ist der ungarische Junge einer Umgebung ausgesetzt, die der antisemitischen Propaganda Glauben schenkt.

Dann wird László, so sein richtiger Name, mit seiner Familie deportiert. Doch das erste von drei Wundern geschieht: Der Zug muss umkehren, die Familie kehrt in die Kleinstadt Baktaloranthaza zurück. Irgendwann kommt es aber doch zum Abtransport in das Ghetto Kisvarda. Leslies Mutter bittet zuvor eine gut befreundete Nachbarin, die wertvolle Uhr des Großvaters bis zu ihrer Rückkehr zu verwahren.

Im Ghetto lebt die Familie in Angst und Ungewissheit, wird von der SS belogen. Das Leben würde sich bald normalisieren, an einem anderen Ort warteten angeblich Arbeit und Lohn. Nachdem "Lucky", der glücklichste Mann des Ghettos, stirbt, bewahrheitet sich die Annahme der Ghettobewohner: "Wenn der glückliche Mann hier stirbt, der sein ganzes Leben Glück hatte … und wenn er wieder Glück hatte und stirbt … dann sehen wir wirklich schlechten Zeiten entgegen." Schwartz beschreibt, was heute unbegreiflich erscheint: niemand habe eine Flucht oder Revolte geplant. Niemand habe sich opfern wollen.

Einige Zeit später wird Leslie, 14-jährig, nach Auschwitz deportiert. "Wir sahen uns selbst nicht mehr als Menschen. Wir waren nichts mehr wert. Ich muss zugestehen, dass die Deutschen erfolgreich waren. Menschen werden unter diesen Umständen wie Tiere".

Als Nummer degradiert, erlebt Leslie das Lager und dessen lebensfeindliche Umstände in brutalster Härte. Der tägliche Kampf ums Überleben in einer mordenden Umgebung wird von den perfiden Grausamkeiten der Nazis durchzogen. "Am meisten hasste ich, dass sie uns zwangen, Postkarten an Freunde und Nachbarn zu schreiben. Man gab uns Stifte und Postkarten und befahl uns folgendes zu schreiben: ‚Wir sind angekommen. Wir fühlen uns wohl und wir haben Arbeit. Alles ist bestens.‘ Ich schrieb diese wunderbaren Postkarten an unsere Nachbarn zu Hause, die die goldene Uhr meines Großvaters aufbewahrten. So half ich den Deutschen in Bezug auf ihre Vernichtungslager."

Das zweite Wunder geschieht, als es Leslie gelingt, sich in einen Transport für Erwachsene zu seinem Freund Sandor zu mischen. Obwohl er über eine Lautsprecheransage gesucht wird, schafft er es in der Menge unterzutauchen und somit nicht erschossen zu werden.

So entkommt er Auschwitz und gelangt in das Arbeitslager München Allach. Dort arbeitet er hungernd bis zur völligen körperlichen Entkräftung. Die Einsatzorte sind unterschiedlicher Art, unter anderem arbeitet Leslie in der BMW-Fabrik Allach. Einmal zweifelt er daran, ob er den Tag überleben wird. Er schleppt Zementsäcke, die weit mehr wiegen als er selbst. Er überlebt und erhält den Spitznamen Lazarus: Lazarus, der von den Toten auferweckt wurde. Auch der schlimmste Mörder des Camps nennt ihn so: der Sadist Knoll, der sonst Köpfe mit der Axt abschlägt, mag Leslie.

Im April 1945 wiegt Leslie noch 34 Kilogramm, obwohl er regelmäßig von einer Frau Nahrung geschenkt bekommt. Nach einem weiteren Transport im Zug heißt es plötzlich: "ALLE SIND FREI!". Das SS-Personal flieht. Doch der Krieg ist noch nicht vorbei: Leslie wird verfolgt, von der Hitlerjugend angeschossen. Die Befreiung bedeutet für den ausgemergelten Jungen keinerlei Euphorie. "Wir fühlten nichts als Schmerz. Ich war fast zum Laufen zu schwach. Ich, mit meiner offenen Wunde, humpelte umher und versuchte etwas Essbares zu finden." Viele ehemalige Gefangene zeigen sich nun grausam gegenüber Deutschen und verüben Morde. Leslie hingegen trägt in seiner Not jetzt eine Uniformjacke der Hitlerjugend und fühlt sich eigentümlicherweise stark darin.

Die Rückkehr in die Heimatstadt ist ambivalent. Zwei Schwestern, die Leslie einst häufig ärgerte, erkennen ihn sofort. "Etwas Unvergessenes ereignete sich: Sie standen auf, drückten mich, erst die eine und dann die andere. Sie weinten." Die einstige Nachbarin hingegen antwortet auf die Frage nach der wertvollen Uhr des Großvaters: "Oh, wir haben die Uhr deiner Mutter zurückgegeben, als ihr weg musstet." Leslie schreibt hierauf: "Ich wusste, dies war gelogen." Schließlich findet Leslie seinen Onkel in den USA und emigriert dorthin. Dass Familienangehörige überlebt haben, ist für ihn das dritte Wunder. Auch sein Freund Sandor hat überlebt und wohnt fortan in New York.

Über den Sinn seines Buches und sein Verhältnis zu Deutschland schreibt Schwartz: "Es tut mir gut und tröstet mich, dass in diesem Land, das meine ganze Familie und mich gequält hat, ich heute – 65 Jahre danach – überall empfangen werde als geehrter Gast. Ich bin froh, dass ich als noch lebender Zeitzeuge Hunderten von Leuten meine Geschichte erzählen konnte und sie mich anhören wollten. Als Überlebender fühle ich mich verpflichtet, Zeugnis abzulegen, wozu ein Mensch fähig ist im Bösen wie im Guten. Dies ist der Sinn meines Buches."

In seiner absoluten Klarheit erfüllt Schwartz‘ Buch diesen Sinn vollkommen. Der inzwischen über 80-Jährige legt seine Erinnerungen in einer präzisen Schlichtheit offen. Dabei füllt er geschichtliches Faktenwissen über den Holocaust absolut erschreckend mit seinem persönlichen Lebensweg, der durch den Nationalsozialismus auf grausamste Art und Weise beeinflusst ist. Max Mannheimer formuliert in seinem Vorwort treffend: "Die Leser von heute werden manches für unglaublich halten – und doch so war es."

 


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