am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Rutka Laskier: Rutkas Tagebuch. Aufzeichnungen eines polnischen Mädchens aus dem Ghetto

Rutka Laskier: Rutkas Tagebuch. Aufzeichnungen eines polnischen Mädchens aus dem Ghetto

Es gibt sie immer noch, auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, die kleinen und großen Überraschungen, Entdeckungen auf Dachböden oder in Kellern. Die Menschen, die diese spät entdeckten Aufzeichnungen hinterlassen habe, leben schon lange nicht mehr, doch in den Tagebüchern und Erinnerungsberichten wird zumindest ein Teil ihrer Geschichte aufbewahrt und durch verdienstvolle Editionen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. So ist es auch mit "Rutkas Tagebuch", das die 14jährige Rutka Laskier aus B?dzin von Januar bis April 1943 geführt hat und das erst jetzt auf Deutsch vorliegt. Im August 1943 wurde Rutka in Auschwitz ermordet, ihr Tagebuch erzählt ihre Geschichte wenige Monate zuvor. Dass dieses Tagebuch überliefert ist, verdankt sich nicht allein einem Zufall, sondern vielmehr einer Bekannten Rutkas. Stanis?awa Sapi?ska kannte Rutka gut und hat sich lange Zeit um sie gekümmert, sie unterstützt. Ihr nahm Rutka das Versprechen ab, das Tagebuch zu bewahren. 2006, in hohem Alter gab Frau Sapi?ska es schließlich an das Museum in B?dzin, wo es nicht einfach konserviert und katalogisiert wurde. Vielmehr nahm sich Adam Szyd?owski der Sache an und recherchierte Rutkas Geschichte. Schließlich gelang es ihm, Kontakt zur Familie in Israel aufzunehmen, wohin Rutkas Vater, der einzige Überlebende der Familie emigriert war und wo er eine neue Familie gegründet hatte.

Ihrem Tagebuch, das nach der polnischen Veröffentlichung euphorisch besprochen und mit dem Anne Franks verglichen wurde, vertraut Rutka all das an, was junge Mädchen so in ihr Tagebuch schreiben: Vor allem schreibt sie über ihre Freundinnen und über Jungs sowie ihre immer wieder durcheinander geratenden Gefühle. Doch so wie es keine normalen Zeiten sind, in denen Rutka aufwächst und ihre Pubertät erlebt, ist es auch kein normales Tagebuch eines vierzehnjährigen Mädchens.

Rutka schreibt über alle Stationen der Verfolgung in ihrer Stadt, das Leben und die Ängste im Getto, die Deportationen aus der Stadt und der Region sowie über die quälende Ungewissheit über das eigene Schicksal. Besonders Rutkas Schilderungen des Winters im Getto gehen unter die Haut und geben dem Leser eine eindrückliche Ahnung vom fundamentalen Einschnitt des Gettos in das Leben, von dem kein Bereich verschont blieb: "Der Schnee sinkt in großen weißen Flocken herab und verdeckt den Schlamm der Straße mit einem weißen Überzug. Doch auf der Straße hört man nicht das fröhliche Geschrei der Kinder, das für gewöhnlich die Ankunft des Winters kennzeichnet. Für die meisten Bewohner des Ghettos ist der Winter gleichbedeutend mit dem Gespenst der Not und des Hungers. Überall Schlangen, Schlangen nach Kartoffeln, nach Steckrüben, Kohlen, Brot. Ärmlich gekleidete Kinder strecken den Passanten ihre Hände entgegen. Diese Kinder sind das Stigma des grauen Ghettos" (S. 113). Man mag kaum glauben, dass die, die das schreibt, erst vierzehn Jahre alt und selbst fast noch ein Kind ist.

Rutkas Tagebuch ist vorzüglich ediert, mit zahlreichen Familienfotos illustriert und in ganzer Länge auch im Faksimilé abgedruckt. Ein einfühlsames Nachwort von Mirjam Pressler rundet das Buch ab, das trotz – vielleicht auch wegen – seiner nur fragmentarischen Überlieferung einen tieferen Einblick in das Geschehen zu geben vermag als manch dickleibige historische Untersuchung.

 

 

 


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