am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Arieh Koretz: Bergen-Belsen. Tagebuch eines Jugendlichen. 11.7.1944-30.3.1945

Arieh Koretz: Bergen-Belsen. Tagebuch eines Jugendlichen. 11.7.1944-30.3.1945

Es sind wohl vor allem zwei Dinge, die allgemein mit Bergen-Belsen verbunden werden: Anne Frank, die dort kurz vor der Befreiung starb, und die Bilder von den Leichenbergen, die mit schwerem Gerät in Massengräber geschafft werden. Umso erfreulicher ist es, dass die Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten im Wallstein Verlag die Reihe "Bergen-Belsen – Berichte und Zeugnisse" gestartet hat und bereits nach kurzer Zeit mehrere Bände zu diesem Konzentrationslager erschienen sind, die der lange Zeit allein stehenden Monographie von Eberhard Kolb weitere Forschungen und Berichte an die Seite stellen.

Mit dem Tagebuch von Arieh Koretz, der 1943 als fünfzehnjähriger aus seinem griechischen Exil ins Lager deportiert worden war, liegt nun ein Bericht über die Schlüsselphase des Lagers in der Kriegsendzeit aus erster Hand vor. Koretz dokumentiert den enormen Ausbau des Lagers und die damit für die Häftlinge verbundene Schinderei, die Konjunkturen des Hungers, die stetig sich verschärfende Überfüllung des Lagers, die Seuchen und berichtet schließlich ebenso über die Wachleute, unter denen er auch "gute" bzw. weniger schlimme ausmachen kann. Wie ein roter Faden durch den Lageralltag und damit auch durch das Tagebuch zieht sich die Schilderung der Appelle, deren Verlauf jeden Tag aufs Neue ungewiss war: Hatten die Häftlinge Glück, stimmten die Zahlen und die Prozedur war schnell beendet. Gab es aber Unstimmigkeiten, gerieten sie zu einer kaum enden wollenden Tortur, der viele Menschen in den Konzentrationslagern zum Opfer fielen.

Wie einschneidend, traumatisch und zerstörerisch die KZ-Erfahrung für die Überlebenden war, für Kinder und Jugendliche noch unmittelbarer, zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass Koretz viele Jahre nicht mit seiner Familie darüber sprechen konnte. Nur mit Leidensgenossen, die am eigenen Leib erfahren hatten, worunter sie alle noch lange nach dem Krieg litten, konnte er sich austauschen. Erst ein Besuch in der neuen Gedenkstätte in Bergen-Belsen 1990 und die Bedrohung durch den Golfkrieg 1991 ließen Koretz das Schweigen brechen.

Wer eine nur annähernde Vorstellung davon bekommen möchte, wie Jugendliche die Konzentrationslager erlebten und überlebten, der kommt um Koretz′ Tagebuch nicht umhin. Es bleibt jedoch kaum vorstellbar, wie ein Jugendlicher in der Hölle von Bergen-Belsen 1944/45 die Kraft aufbringen konnte, all das Leid irgendwie in Worte zu fassen.


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