am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Frühe Einblicke in die Häftlingsgesellschaft

Die Befreiung Majdaneks im Juli 1944 – der Krieg und das Leiden in vielen anderen Lagern sollte noch fast ein Jahr dauern – machte Schlagzeilen auf der ganzen Welt. Viele bisherige Skeptiker und Zweifler begannen nun, die verbrecherischen Abgründe der NS-Herrschaft zu ahnen, begreifen aber konnten es die wenigstens, sogar nicht (oder schon gar nicht) die überlebenden Opfer selbst. Manchen verschlossen die erlittene Gewalt, der Verlust vieler Familienmitglieder, die Demütigungen und vieles mehr den Mund – sie konnten oder sie wollten nicht darüber sprechen. Andere hingegen verspürten einen fast überwältigenden Zeugnisdruck, dem sie Ausdruck verleihen mussten.

So auch Mordechai Strigler, dessen Zeugnis über einen mehrwöchigen Aufenthalt in Majdanek nun endlich auf Deutsch vorliegt. Gleichwohl machte auch er in den ersten Monaten nach seiner Befreiung zunächst einen Bogen um das Thema. Möge sich doch, so hoffte er inständig, ein anderer finden, der berichte. Er wartete vergeblich. Das, was er las – und er las alles, was er zu diesem Thema in die Hände kriegen konnte –, befriedigte ihn nicht: „Es ist noch niemandem eingefallen, dass man auch über unsere Märtyrer wie über Menschen aus Fleisch und Blut schreiben muss, deren menschliche Gestalt abertausende Male am Tag geschändet wurde“ (S. 17). Er wolle so über die Menschen schreiben wie sie seien und sie nicht als über dem Menschlichen enthobene Engelsgestalten darstellen.

Das gelingt Strigler in hervorragender Weise. Ihm kommt sein ungeheures literarisches Geschick dabei zugute. Plastisch und eindringlich schreibt er über die Auswirkungen des alltäglichen Lager-Terrors auf die einfachen Häftlinge, auf ihr Verhalten und vor allem auch auf ihre Psyche. Es ist die Masse der gequälten und erniedrigten Häftlinge, zu denen er selbst gehörte, die er dem Leser vor Augen führt, keine Lagerelite politischer oder anderer privilegierter Häftlinge.

Strigler schreibt über weite Passagen auf Augenhöhe der Häftlingsmasse. Das hat fast unweigerlich zur Folge, dass vor allem Mithäftlinge, die sogenannten Kapos und andere Funktionshäftlinge, als Peiniger auftreten, weniger jedoch SS-Männer. Dieses System der Lagerhierarchie, das die Deutschen installiert hatten und das sie immer wieder anstachelten, schildert Strigler mit einem genauen Blick als ein für den einfachen Häftling kaum zu entwirrendes System aus Korruption und Protektion. In diesem Netz verfängt er sich zunächst ohne eigenes Zutun, was lebensbedrohliche Gefahren nach sich zieht, schließlich aber kann er, von Zufällen begünstigt, auch selbst von diesem System profitieren.

Auf gleicher Ebene mit den Häftlingen bewegt sich Strigler auch mit Blick auf ihre Ahnungslosigkeit beziehungsweise Ungewissheit, wie sie sich in manchen Situationen verhalten sollten. Soll man sich unter allem Umständen dem Transport entziehen, da er womöglich in den Tod führt? Oder verheißt er einen Ausweg aus dem Todeslager? „Man tappt im Dunkeln und doch will man irgendetwas an seiner Bestimmung ändern – obwohl man selbst nicht weiß, ob zum Guten oder zum Schlechten. Hier in der Baracke haben viele Angst, dass man von hier zum Tod oder, weiß der Teufel wohin, weggebracht wird. […] Die Menschen spielen hier mit ihrem Leben ein besessenes Blinde-Kuh-Spiel. Durch den kleinen Türspalt wird Schicksal gegen Schicksal getauscht. Öffnet man einem, schlüpfen zwei hinaus; sollen zwei hineingehen, drängen vier hinein.“ (189). Mitunter entfaltet der Text einen solchen Sog, dass er wie eine Live-Reportage aus dem Lager daherkommt.

Zwar zeigen sich in der Kommentierung manche Schwächen – es ist nicht immer ersichtlich, warum das eine erläutert wird, das andere aber nicht (S. 23, S. 130) – und auch die Übersetzung ist mitunter holprig („etliche zig Menschen“, S. 158), doch das tut der Stärke des Zeugnisses von Mordechai Strigler keinen Abbruch. Er hat eines der wichtigsten Zeugnisse über Majdanek geschrieben, das viel zum Verständnis der Häftlingspsyche über dieses eine Lager hinaus beiträgt. Zu hoffen ist, dass Herausgeber und Verlag ihr Engagement fortsetzen und weitere Bücher Striglers folgen lassen.

Von Markus Roth

 

Mordechai Strigler: Majdanek. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager. Herausgegeben von Frank Beer; aus dem Jiddischen übersetzt von Sigrid Beisel.

Springe: Zu Klampen Verlag 2016.
228 Seiten. 24,00 Euro.
ISBN 978-3-86674-527-8.

 


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