am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945

Die Berlinerin Marie Jalowicz Simon berichtete nur selten und lediglich in Auszügen über ihre während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach gesammelten Erfahrungen. Erst als ihr Sohn, Hermann Simon, am 26. Dezember 1997 ein Aufnahmegerät auf den Tisch stellt, beginnt sie, ihre vollständige Geschichte zu erzählen. Am 4. September 1998, kurz vor ihrem Tod, entsteht die letzte von 77 Tonbandkassetten. Mit „Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945“ liegt nun der äußerst präzise Erinnerungsbericht in Schriftform vor.

Die 1922 geborene Jüdin Marie wächst in Berlin-Mitte als einzige Tochter von Betti und Hermann Jalowicz auf. Ihre Eltern – der Vater ist Anwalt, und auch die Mutter spielt eine große Rolle in dessen Kanzlei – gehören dem deutschen Bildungsbürgertum an. Bereits 1933 kommt bei ihnen jedoch „ein drängendes Gefühl der inneren Unruhe“ (S. 27) auf. 1938 eröffnet sich dem Vater die Aussicht auf eine Einwanderungserlaubnis nach Palästina. Letztendlich bekommt sie aber ein anderer. Marie und Hermann – im Juni erliegt Betti ihrem Krebsleiden – bleiben in Berlin. Nach dem Tod des Vaters im März 1941 in der Wohnung in der Prenzlauer Straße wird Marie klar: „Ich musste […] sofort erwachsen werden“ (S. 49). Weiterhin erkennt die 18-Jährige auch, dass sie nicht wie ihre anderen Familienmitglieder in ein Konzentrationslager gehen darf: „[M]ein Instinkt sagte mir schon damals: Wer dorthin fährt, geht in den Tod“ (S. 75).

Von nun an versteckt sich Marie in zahlreichen Haushalten in Berlin und Umgebung. Sie versucht, durch eine Scheinehe mit einem Chinesen einen besseren Status zu erlangen und eventuell auszuwandern, doch sie erhält keine Heiratsgenehmigung. Mit einem bulgarischen Fremdarbeiter reist sie bis nach Tarnovo in Bulgarien, doch ein Anwalt, dem sie sich sexuell verweigert, denunziert sie. Sie kehrt nach Berlin zurück. Die längste Zeit verbringt sie mit dem Holländer Gerrit Burgers. Ende April 1943 geht sie mit ihm als „Halbjüdin“, die „schwere Scherereien gehabt“ (S. 265) hat und untertauchen muss, nach Kaulsdorf. Ihre neue, von ihrer treuesten Helferin Trude Neuke erfundene Identität – sie gehört jetzt offiziell ‚nur‘ noch zur Hälfte „zu jenen Fremden, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt“ (ebd.) – erleichtert ihr das Leben in dem Haus, in dem sie von Hitleranhängern umgeben ist: Ihre Zimmerwirtin Blase ist eine enthusiastische Nationalsozialistin, und Marie arbeitet zeitweise bei einer Frau, deren Ehemann im Propagandaministerium tätig ist. Auch der Vater einer anderen Helferin ist ein überzeugter Nazi.

Von 1942 bis 1945 helfen Marie etwa 100 Menschen. Die Beziehungen zu den jüdischen und nicht-jüdischen Helfern und Helferinnen verlaufen jedoch keinesfalls geradlinig.  Der jüdische Frauenarzt Benno Heller und seine Ehefrau begegnen ihr mit ambivalenten Gefühlen. Zwar hilft er ihr bis zu seiner eigenen Verhaftung, gleichzeitig schimpft Benno Heller Marie eine „glorreiche Abiturientin“ (S. 230), die im praktischen Leben nichts tauge. Über Trude Neuke heißt es: „Mit Trude Neuke wurde ich zwar sehr schnell wärmer, aber nicht wirklich warm. […] Wir begegneten uns nicht als Individuen, sondern als Allegorien. Trude war für mich der personifizierte Widerstandskampf einer Kommunistin, und ich verkörperte für sie die Gestalt des verfolgten jüdischen Mädchens, dem man aus Prinzip zu helfen hatte“ (S. 237). Trotzdem verspricht Trude ihr, bis zum Sieg der Roten Armee zu helfen. Die Artistin Camilla Fiochi ist zwar überzeugte Nazigegnerin, sie beutet aber Marie in ihrer Villa als Putzfrau aus. Gerda Janicke versteckt sie in ihrer winzigen Wohnung, sie lässt sie aber wochenlang hungern. Doch am ambivalentesten scheint die Beziehung zu Johanna Koch: Sie ist ihr Leben lang in Hermann Jalowicz verliebt gewesen und übernimmt nach seinem Tod teilweise die Verantwortung für seine Tochter. Sie liebt sie, gleichzeitig ist ihre Liebe erfüllt von Obsessionen und Rivalitäten, zum Beispiel zu Trude Nauke. Johanna Koch schenkt Marie ihre eigene Identität, damit diese nach Bulgarien ausreisen kann: Mit einer auf denselben Namen ausgestellten Kennkarte, die sich von der echten nur durch das Foto und ein abgeändertes Geburtsdatum unterscheidet, überlebt Marie bis Kriegsende. An eine Geschichte erinnert sie sich aber, die sie dem Tod nahe brachte: Während eines Fliegerbombenalarms besteht die richtige Johanna Koch darauf, dass sie gemeinsam einen Bunker betreten. Nur durch Glück werden ihre Kennkarten nicht kontrolliert. „Wir sind ein Wesen, weil wir denselben Namen tragen und am selben Tag Geburtstag haben. Deine Seele gehört mir“ (S. 384), soll Johanna Koch gesagt haben. Sie schenkt Marie zwar eine Aussteuer für ihre erste eigene Wohnung, sie unterstreicht aber immer wieder das Ausmaß des Opfers, das sie damit gebracht habe. Sie half Marie gerne, war aber dennoch froh, als diese ihre eigene Bleibe bezog. Marie erinnert sich auch an andere Helfer, wie den Hausmeister Graß, der ihr uneigennützig half, oder an Nationalsozialisten wie Hans Goll, der nicht nur einen deutschen Pass für sie ausstellen lässt, sondern ihr auch Geld gibt, damit sie aus Bulgarien nach Berlin zurückkehren kann.

Ihre Rettung verdankt Marie sicherlich auch ihrer eigenen Schlagfertigkeit. Sie beschließt einfach, sich zu retten, und legt ganz entschlossen den gelben Stern ab. Weil sie weiß, dass die Zwangsarbeit bei Siemens den Tod bedeuten könnte, verlangt sie einfach ihre Kündigung. Sie wird entlassen. Auf Aufforderungen des Arbeitsamtes zur weiteren Zwangsarbeit reagiert sie einfach nicht und behauptet, die Schreiben nicht bekommen zu haben. Als sie schließlich in einer Spinnerei arbeiten muss, geht sie nach ein paar Tagen zu einer jüngeren Büromitarbeiterin und bittet um Entlassung. Der Bitte wird stattgegeben. Beim weiteren Zustellversuch erzählt sie dem Briefträger, Marie Jalowicz sei längst deportiert worden und so wird ihr Name aus den Meldebüchern gestrichen.

Die mit Berliner Dialekt durchwebte Sprache, derer sich Marie und ihre Zeitgenossen bedienen, ist voller Humor und zugleich schonungslos. Sie erinnert sich noch genau an die Marotten des Lieblingsonkels Arthur Eger, der einen Scherzartikelladen betrieben hat. Sie schildert Anekdoten aus dem Berufsleben ihres Vaters oder aus dem Familienleben vor dem Zweiten Weltkrieg. Marie verschont nicht diejenigen, für die sie keine Sympathie hegt. Über die Cousine einer Freundin heißt es: „[Sie] war sehr hässlich, hatte ganz dicke Beine und war schamlos“ (S. 48). Über die Chefin des Hauses Danziger, in dem zahlreiche Juden während des Kriegs aßen, schreibt sie wiederum: „Sie war unmenschlich dick, hatte blaue Lippen und Beine wie ein Elefant“ (S. 50f.).

 „Wer weiß, was aus ihr geworden wäre, wenn sie überlebt hätte“ (S. 43), ist die Frage, die sich Marie immer wieder stellt, wenn sie an ihre Freundinnen und Kolleginnen aus der Zeit der Zwangsarbeit in der Siemens-Fabrik denkt. Diese Frage könnte ebenfalls auf das Schicksal der meisten Familienmitglieder passen: Als einziger Verwandter überlebt ihr Onkel Karl Jalowicz den Krieg, zu dem Marie herzlichen Kontakt pflegte.

Die Entstehungsgeschichte des Buches, die Schwierigkeiten, wieder zur Normalität zu finden, und die Wirkung seiner Mutter als Dozentin sind einige der Themen im Nachwort von Hermann Simon, der das Buch posthum herausgab. Das Manuskript bereitete die Schriftstellerin und Journalistin Irene Stratenwerth für die Veröffentlichung vor. 

Von Anna Kiniorska-Michel

 

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945.

Verlag: S. Fischer 2014
416 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-10-036721-1


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