am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Ludwik Hering: Spuren. Drei Erzählungen.

„Das Getto war das Herz von Warschau. In ständigem Pulsieren nahm es etwas auf, stieß es etwas aus: durch die bewachten Tore, die Schlupflöcher, die Spalten und Ritzen – wie durch Schlagadern und Arterien und durch die hundertfachen Verzweigungen der Gefäße bis in die feinsten Kapillaren, die die am tiefsten verborgenen Gewebe der Stadt versorgten.“ (S. 25f) So beschreibt Ludwik Hering in seinem Band „Spuren“, der aus drei autobiografischen Erzählungen mit fiktiven Protagonisten besteht, das Warschauer Getto.

Hering selbst arbeitete eine Zeitlang als Nachtwächter in einer Fabrik an der Gettogrenze und obwohl es allgemein bekannt war, dass er zu dieser Zeit vielen Menschen auf die arische Seite verhalf, sprach er offenbar nie darüber. Ludwik Herings Nichte Ludmiła Murawska-Péju schreibt im Nachwort, „Wenn Ludwik einem aus dem Ghetto Geflohenen seine Kleider gegeben hatte, lieh er sich von seinem Onkel Hemd und Hose. Sein Onkel war größer und deutlich kräftiger als er – immer wenn Ludwik also später als üblich von seiner Schicht kam, in einem zu großen Hemd und einer Hose mit aufgekrempelten Säumen, […] – dann wussten wir, dass er wieder jemanden gerettet hat.“ (S.99)

Neben den geglückten Hilfsaktionen erfuhr Hering aber auch viel Grausames, was er unter anderem in der Erzählung „Das Schlupfloch“ verarbeitet. Der Protagonist Brzozowski, der eher einfach gestrickt ist, arbeitet in Warschau an der Gettogrenze in einer Gerberei als Nachwächter und wird mit viel Elend konfrontiert. Er führt die gefährlichsten Arbeiten aus. Nach einem Vergiftungsunfall, bei dem einer seiner Kollegen ums Leben kommt, besetzt er die Stelle des Nachtwächters. 

Die Kinder des Gettos, die „Katzen“ (S.11) wie sie genannt wurden, stahlen sich mitunter durch die Mauerritzen des Gettos auf die andere Seite um Essen zu ergattern. Eines dieser Kinder, Dawid, beschreibt Hering in seiner Erzählung „Spuren“. „Wie eine Mumie sieht er aus, in ein zerschlissenes Schultertuch gewickelt“ (S.13). Hering erzählt, wie Dawid auf die andere Seite gelangt und sorgsam darauf achtet, nicht zu schmutzig zu wirken, um nicht von den „Gassenjungen“ (S.15) überfallen zu werden. Getrieben davon, wenigstens eine Kleinigkeit zum Essen zu finden, streunt er durch die Straßen, bedacht darauf, den Wachen nicht in die Hände zu fallen.

Die letzte Erzählung „Zieleniak“ beschreibt die Zeit 1944 während des Warschauer Aufstandes im Sammellager Zieleniak, wohin auch Ludwik Hering selbst mit seiner Familie gebracht wurde. Kurz vor einem Transport nach Treblinka wurde Hering jedoch mitsamt seiner Familie von einer Sanitäterin gerettet. Zwei Wochen blieben sie im Lager Pruszków und flohen danach über mehrere Etappen nach Łódż.

Der Erzähler beschreibt die Atmosphäre im Sammellager: „Immer dichter bevölkerte sich der Platz mit immer weiteren Kolonnen, die Tag für Tag aus der Stadt hierhergetrieben wurden. In den Nächten können schon nicht mehr alle liegen, die Menschen sitzen zusammengekauert, aneinandergeschmiegt. Grausame Nachrichten treffen ein, von qualvollen Toden – viele hören vom entsetzlichen Sterben ihrer Nächsten“ (S.90).

Ludwik Hering arbeitet in seinem Erzählband „Spuren“ schonungslos die Zustände im Warschauer Getto heraus. Die Wortgewalt des Autors ist beeindruckend. Durch intensive und einprägsame Metaphern kreiert er ein erdrückendes und eindringliches Bild des Elends im Getto, das den Leser fesselt und zum Weiterlesen antreibt. Leider blieben diese drei Erzählungen die einzigen Veröffentlichungen des Autors.

Hering (1908-1984) verschrieb sich schon früh in seinem Leben den Künsten. Als Jugendlicher schwänzte er die Schule um Grabsteine zu malen und besuchte zusätzlich die Schule für Dekoration und Malerei in Warschau um seine Fertigkeiten auszubauen. Schließlich musste er nach einem Schicksalsschlag seine Träume zurückstellen und arbeitete als Bibliothekar. Um 1933 lernte er Józef Czapski kennen, der Hering weitere Maltechniken beibrachte und ihn in einen Kreis von Literaten und Künstlern einführte. Diese Freundschaft blieb lebenslang bestehen. Nach dem Krieg galt Ludwik Hering als große Inspiration für viele polnische Künstler. Gemeinsam mit Miron Białoszewski entwickelte er das „Teatr Osobny“ (das Eigene Theater).

Von Janette Dittrich

 

Ludwik Hering: Spuren. Drei Erzählungen.

Berlin: edition.fotoTAPETA, 2016.
123 Seiten, 12,80 Euro.
ISBN: 978-3-940524-53-9

 

 


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