am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Ludwig Laher: Bitter

Es ist ein komplexer Charakter, dessen sich Ludwig Laher in seinem Buch nähert – dieser Fritz Bitter, der eigentlich Friedrich Kranebitter hieß, und der keinen besseren sprechenden Namen tragen könnte, als das Schicksal bzw. der Autor ihm gegeben hat. Geboren um die Jahrhundertwende, wuchs er in einer katholischen Polizistenfamilie in einer österreichischen Kleinstadt auf und radikalisierte sich bereits in der Schulzeit im rechten Milieu. Er war ein charismatischer Frauenschwarm und „Mann der ersten Stunde“ (S. 28) in der österreichischen NS-Bewegung, dem der ehrgeizige Aufstieg vom Polizisten zum Juristen gelang. Schließlich machte er sich einen Namen als Organisator und Mitwirkender bei der Ermordung der Juden zunächst als Gestapo-Chef in Wien Neustadt und später als SS-Sturmbannführer im ukrainischen Charkow. Nach dem Krieg entging er einer Verurteilung und starb als unbescholtener Bürger. So könnte Friedrich Kranebitter in einem Geschichtslexikon beschrieben werden.

Die Daten finden sich natürlich auch bei Laher, der sich Kranebitter als Fritz Bitter annimmt. Doch wählt Laher dabei einen anderen Weg als die bloße historische Schilderung: Der Ich-Erzähler beschreibt Herkunft und Familie, Aufstieg und Taten sowie besonders das ‚Herauswinden‘ Bitters aus allen Anschuldigungen nach dem Krieg genau und kommentiert diese. Daher ist es kein objektives Geschichtsbuch, das er verfasst, sondern – wie es auf dem Cover heißt – ein subjektiver, wertender, distanzloser Roman. Es ist eine Version oder besser: ein Erklärungsversuch, den der Ich-Erzähler unternimmt. Er möchte ergründen, warum Männer wie Kranebitter zu dem wurden, was sie waren. Der Erzähler ist sich dabei der Begrenztheit der Interpretation bewusst und wählt daher auch die Namensvariante. Jedoch möchte er sich dem Wesen Bitters nähern, nachzeichnen, was ihn an ihm fasziniert – sowohl positiv als auch negativ. Dies ist eine absolute Besonderheit des Psychogramms, denn der Erzähler ist nicht der neutrale Historiker. Stattdessen seziert er Bitter begehrlich, dreht und wendet ihn voller Faszination und betrachtet ihn von allen Seiten durchaus auch mit einer stillen Bewunderung für sein effizientes Arbeiten im Holocaust bei gleichzeitiger Abscheu über den Effekt seines Tuns.

Es fällt schwer, den Ton des Erzählers in Worte zu fassen. Ist er verbittert, lakonisch, zynisch, selbstgerecht, abgebrannt, manchmal ermüdend genau? Was bedeutet es, wenn es schlichtweg unpassend heißt, dass Fritz Bitter sich nicht um die Gefühle seiner Ehefrau kümmern könne, da er „gerade mit vieltausendfachem Menschausschalten mehr als ausgelastet“ (S. 37) sei? Vermutlich ist der Ton schlicht und einfach realistisch. So war es nun mal, da müssen Erzähler und Leser eben gemeinsam durch. Dabei stößt Laher dem Leser vor den Kopf und zwingt ihn zu einer – zumindest für die Zeit des Lesens – neuen Sichtweise. Man kann sich den Erzähler regelrecht vorstellen als Besserwisser mit gerümpfter Nase, nach vorne geschobener Oberlippe und trotz des Themas spöttischem Lachen und Augenzwinkern. An anderen Stellen wirkt er hingegen angeekelt, sogar beschämt; es scheint teilweise, als hadere der Erzähler mit sich selbst und seinem Vorhaben. Und dann gibt es jene Stellen, an denen der Erzähler in den Tonfall der Nationalsozialisten verfällt, um Bitters „Weltaneignung hier auch sprachlich“ (S. 201) abzubilden. Da spricht er menschenverachtend voller Spott über „verdaulich[e] Tagesportionen zu möglichst exakt dreihundert Stück“ (S. 110), wenn er von Erschießungen im Osten berichtet, und die Ermordung von Kindern und Alten bezeichnet er als „etwas roh“ aber „ausgesprochen vernünftig“ (beide Zitate S. 118). So oder so: Er hat Bitter anscheinend verstanden, schließt von Ereignissen und Orten auf sein Wesen und zeigt, dass dem Tun ein Muster zu Grunde liegt. Plötzlich ist der Täter nicht mehr eine schemenhafte Schablone, über die es lediglich pauschale historische Fakten zu lesen gibt, sondern er wird auf eine Art nachvollziehbar, er wird zu einem Mensch mit Facetten.

Im Zentrum des Romans steht, neben der alles dominierenden Figur Bitters, auch das generelle gesellschaftliche Problem des Nichtgreifen-Könnens: Der reale Kranebitter wird nach dem Krieg vergessen, er redet sich „bis zur Lächerlichkeit“ (S. 7) raus, mal ist er „Dreh- und Angelpunkt, dann wieder […] bloße Nebenfigur“ (S. 136) in den Arbeiten der Historiker und Journalisten, die seine Taten analysieren wollen. Doch Laher liefert als Romancier genau diesen einen Haltepunkt, macht Bitter dadurch greifbar und manchmal sogar verständlich. Skurril wird der Lebenslauf besonders nach Kriegsende: Bitter stilisiert sich zum Retter britischer Kriegsgefangener, zum österreichischen Märtyrer, zum Bürokraten ohne direkte Schuld, etabliert sich gesellschaftlich und ein ehemals verfolgter Jude wird gar zum Verteidiger seiner Unschuld vor Gericht – der Leser kann nach knapp 200 Seiten da nur noch über den Protagonisten und das Versagen der damaligen Justiz und Gesellschaft den Kopf schütteln. Es wundert nicht, dass Bitter „[a]usgesöhnt mit der Welt“ (S. 220) Ende der 1950er Jahre umringt von Familienangehörigen stirbt, die sich noch nach seinem Tod für den „ehemaligen pol[itischen] Häftlin[g]“ (S. 224), als der sie ihn sehen wollen, einsetzen.

Laher greift in seinem Roman eine aktuelle Diskussion auf: Wie schreibt man (fiktive) Texte über den Holocaust, ohne ihn selbst direkt oder indirekt erlebt zu haben? Wie können (vermeintlich) Außenstehende und Unbetroffene dieses Thema auf ihre eigene Art bearbeiten, damit es lebendig bleibt und nicht zur verblassenden Erinnerung wird? Ludwig Lahers „Bitter“ ist dabei ein Beispiel für einen neuen Weg. Er nutzt eine ungeheure Vielzahl an Quellen – die er akribisch in seinem Roman nennt – und bleibt sehr nah am Geschehen. Gleichzeitig schöpft er dabei die Möglichkeiten der Literatur aus, findet einen ganz eigenen und vor allem neuen Ton für historische Geschehnisse. Dadurch liefert er eine Erklärung für die ihn quälende Frage nach dem Warum der Taten, die möglich aber nicht zwingend ist: Bitter gilt „als Folie, […] als schmerzliche Illustration für einen bemerkenswerten, keineswegs aber einzigartigen Sachverhalt“ (S. 220) und letztlich als „Herausforderung“ (S. 233). Eine Herausforderung, die hoffentlich viele Leser annehmen werden.

Von Christiane Weber

 

Ludwig Laher: Bitter.

Verlag: Wallstein Verlag 2013
237 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-8353-1387-3


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