am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Henryk Grynberg: Unkünstlerische Wahrheit. Ausgewählte Essays.

Mit unbestechlichem Blick

Henryk Grynberg ist vor allem als luzider dokumentarischer Erzähler des Holocaust bekannt, der in seinen Erzählungen den Blick immer wieder auf den Einzelnen und sein Schicksal sowie auf unscheinbare und doch so vielsagende Details richtet. Nun liegen, aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein übersetzt, ausgewählte Essays Grynbergs aus den letzten drei Jahrzehnten erstmals auf Deutsch vor. Diese haben an Aktualität und Bedeutung jedoch nichts verloren. Zwar umfasst beispielsweise Grynbergs umfassender Essay über den Holocaust in der polnischen Literatur nur die Zeit bis 1984. Er eröffnet aber paradigmatische Fragestellungen und Perspektiven, die man als Leser problemlos auf die zahlreichen später erschienenen Werke mit viel Gewinn anwenden kann.

Den gleichen unbestechlichen Blick, den er in seinen Erzählungen auf Lebenswege anderer richtete, lenkt er in manchen der hier abgedruckten Texte auf sein eigenes Leben, auf seine Kindheit während des Holocaust und auf die lebenslang spürbaren Folgen, die dies für ihn hatte. Er, der drei Jahre alt war, als die Deutschen in Polen einmarschierten, überlebte gemeinsam mit seiner Mutter Verfolgung und Massenmord, während die übrigen Familienmitglieder entweder von den Nationalsozialisten oder aber, wie 1944 sein Vater, von polnischen Dorfbewohnern getötet wurden. Wer als Kind, als jüdisches Kind, in dieser Zeit groß wurde, trug zwangsläufig tiefgreifende Beschädigungen davon. „Im Tod sah ich nichts Besonderes“, schreibt Grynberg lakonisch (S. 7) und in gleichem Ton weiter über eine zeitlebens vorhandene Einsamkeit, über das Unterdrücken von Gefühlen und Gedanken. Von klein auf sieht er sein „Leben als Desintegration“, wie einer der Texte überschrieben ist, da er wiederholte Identitätswechsel erlebt und im Strudel der für ihn als Kinder unverständlichen Ereignisse den Halt verliert: „Vom ersten Anfang an änderte sich die Welt um mich herum in Schwindel erregendem Tempo, und nirgends war sicherer Stand zu finden“ (S. 9).

Grynbeg gelingt es in seinen Essays meisterhaft, neues Licht auf scheinbar Bekanntes zu werfen, indem er zum Beispiel manchen Schleier vom Sprechen über den Holocaust reißt, das mitunter allzu sehr in Floskeln erstarrt ist. In seinem 1984 erstmals publizierten Essay über Janusz Korczak zum Beispiel legt er kompromisslos offen, wie hohl und moralisch fragwürdig Erinnerung und Gedenken an Janusz Korczak in Polen sind. So hätte Korczak in keiner der zahlreichen nach ihm benannten Schulen und Heime im kommunistischen Polen als Juden arbeiten können. Viele derjenigen, die nach dem Krieg Sonntagsreden über Korczak hielten, hätten, da ist sich Grynberg sicher, 1967/68 auch an der Vertreibung Korczaks aus Polen eifrig mitgewirkt, als Tausende Juden in Polen im Zuge einer antisemitischen Kampagne ihre Stellen verloren und zur Ausreise genötigt wurden. Die häufig geäußerte Verwunderung darüber, dass Korczak Angebote, ihn aus dem Warschauer Getto zu schaffen und zu verstecken, zurückgewiesen habe, reiht Grynberg hier ein. Diese Verwunderung nämlich negiere alles, wofür Korczak gestanden habe. Niemals sei es für ihn denkbar gewesen, die Kinder zu verlassen. Und schließlich stellt Grynberg die einfache und eigentlich so naheliegende, dennoch nicht gestellte Frage, warum denn niemand Korczak vorgeschlagen hat, die Kinder oder wenigstens manche von ihnen aus dem Getto herauszuschmuggeln.

Übersetzer und Verlag ist zu danken für die Einschließung eines wichtigen Teils von Grynbergs Werk, das grundlegende Einsichten in den Holocaust und vor allem in das Reden (und Schweigen) über den Holocaust in Polen und anderswo bietet. Den Holocaust verstehen zu wollen, ist ein zwar immer wieder notwendiges, in letzter Konsequenz aber wohl erfolgloses Unterfangen – ein unerklärlicher Rest wird immer bleiben. Die Lektüre von Henryk Grynbergs Werk mag kein Schlüssel zu einem umfassenden Verständnis des Holocaust sein und kann dies auch nicht sein, aber ohne dieses Werk wären wir weitaus entfernter von einem solchen Verständnis.

Von Markus Roth


Henryk Grynberg: Unkünstlerische Wahrheit. Ausgewählte Essays.

Berlin: Hentrich & Hentrich 2014.
354 Seiten, 22,00 Euro.
ISBN 978-3-95565-050-6.


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