am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Chronologie zur Geschichte des Gettos




Chronologie zur Geschichte des Gettos Lodz/Litzmannstadt

1.9.1939
Deutschland überfällt Polen – der Zweite Weltkrieg beginnt.

8.9.1939
Die Wehrmacht besetzt neben Warschau auch Lodz. Es schließen sich überall in Polen erste Gewaltakte gegen Juden an.

12.9.1939
Da neben zahlreichen Mitgliedern des Lodzer jüdischen Gemeinderats auch der Vorsitzende Jakub Lejb Mincberg geflohen ist, wählt der verbliebene Rest mit Abram Lajzor Plywacki von der religiösen Partei Agudath Israel einen neuen Vorstand. Der aus dem bürgerlichen Lager kommende Mordechaj Chaim Rumkowski wird zum Stellvertreter gewählt, erweist sich aber schon bald als treibende Kraft des Gremiums.

18.9.1939
Die deutschen Besatzer verbieten die Gottesdienste zum jüdischen Neujahrsfest (Rosch ha-Schana) und zum Versöhnungstag (Jom Kippur). Dies ist der Auftakt für eine Reihe weiterer Zwangsmaßnahmen, die in kurzer Folge erlassen werden und Juden das alltägliche Leben nahezu unmöglich machen: Es wird u.a. eine Ausgangssperre verhängt und sämtliche jüdischen Bankguthaben werden gesperrt. Hinzu kommt, dass die Ausübung traditionell jüdischer Berufe (Handel mit Leder- und Textilerzeugnissen) verboten wird. Jüdische Betriebe werden arisiert.

21.9.1939
Reinhard Heydrich, Leiter des SS-Hauptamtes Sicherheitspolizei, ordnet an, dass Juden aus den eroberten Westgebieten auszuweisen seien und dass jüdische "Ältestenräte" gebildet werden sollen, die die Anordnungen der Deutschen umzusetzen haben.

7.10.1939
Der Warthegau mit der Stadt Lodz und die drei übrigen polnischen Westprovinzen werden dem Deutschen Reich angegliedert.

13.10.1939
Der Leiter der Zivilverwaltung bei der Deutschen Wehrmacht, von Graushaar, verlangt vom Rabbinat Lodz ab dem 15.10.1939 die tägliche Bereitstellung von 600 männlichen Arbeitskräften.
Mordechaj Chaim Rumkowski wird von Stadtkommissar Leister zum "Ältesten der Juden" ernannt und beauftragt, einen "Judenrat" zu bilden. Der bestehende gewählte Gemeinderat wird aufgelöst.

30.10.1.1939
Reichsführer-SS Heinrich Himmler verfügt – in Ausführung eines Geheimerlasses von Hitler –, dass zwischen November 1939 und Februar 1940 alle Juden und eine noch festzulegende Anzahl von Polen aus den dem Deutschen Reich neu angegliederten ehemaligen polnischen Westprovinzen in das als "Generalgouvernement" bezeichnete Rest-Polen "ausgesiedelt" werden sollen.

9.11.1939
Erste öffentliche Hinrichtung in Lodz.

10.11.1939
Die Lodzer Synagogen werden von den deutschen Besatzern in Brand gesetzt.

11.11.1939
Die 31 Mitglieder des neuen "Judenrats" werden verhaftet, die meisten von ihnen werden ermordet. Rumkowski wird schwer misshandelt und muss anschließend einen neuen "Judenrat" bestimmen.

12.11.1939
100000 Juden (darunter 30000 aus Lodz) und 200000 Polen sollen nach dem Willen des Höheren SS- und Polizeiführers des Warthegaus, Wilhelm Koppe, ins Generalgouvernement deportiert werden.
Rumkowski erhält die Weisung, 50000 Namen für die Deportation bereitzustellen. Die Ausgewiesenen dürfen nur Handgepäck und 50 Zloty mitnehmen. Tatsächlich werden aber bis Februar 1940 nur einige tausend jüdischer Menschen verschleppt, viele fliehen ohnehin ins Generalgouvernement.

14.11.1939
Der Regierungspräsident von Kalisch, Friedrich Übelhoer, legt den Juden eine Kennzeichnungspflicht auf: Sie müssen sich durch eine gelbe Armbinde kenntlich machen. Ab dem 11.12.1939 müssen Juden auf der rechten Brust- und Rückenseite einen gelben Stern tragen.

10.12.1939
In einem geheimen Rundschreiben fordert Übelhoer die Bildung eines Gettos in der Stadt Lodz. Obgleich noch viele Unklarheiten bestehen – u.a. auch hinsichtlich der Frage, ob Lodz überhaupt im Warthegau verbleibt – legt sich Übelhoer in Bezug auf die Juden fest: "Endziel muß es jedenfalls sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen."

30.1.1940
Generalgouverneur Frank weigert sich, weitere Juden aus dem Warthegau im Generalgouvernement aufzunehmen.

8.2.1940
Eine Polizeiverordnung verfügt, dass sich sämtliche in Lodz verbliebenen Juden in wenigen Tagen in einem ihnen zugewiesenen Gettogebiet, das die nördliche Altstadt, das Elendsviertel Balut und das Außenviertel Marysin mit dem Friedhof einschließt, einzufinden haben. Das neue Gettogebiet umfasst 4,13 Quadratkilometer und weist ca. 31000 Wohnungen auf, von denen nur 725 über fließendes Wasser verfügen und die wenigsten an die Kanalisation angeschlossen sind. 160000 jüdische Menschen müssen hierhin umziehen.

27.2.1940
Rumkowski gründet den jüdischen Ordnungsdienst (O.D.).

5.4.1940
Rumkowski übersendet dem Oberbürgermeister seinen Plan zur Organisation der Getto-Industrie.

11.4.1940
Lodz wird auf Befehl Hitlers zu Ehren des Generals und späteren NSDAP-Funktionärs Karl Litzmann in Litzmannstadt umbenannt.

20.4.1940
Mit der Eröffnung des ersten Schneidereibetriebs beginnt die Getto-Industrie ihre Arbeit.

30.4.1940
Das Getto wird geschlossen und hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Wer versucht, das Getto zu verlassen, wird sofort erschossen (Sonderanweisung des Polizeipräsidenten vom 10.5.1940). Rumkowski wird befohlen, im Inneren durch den Ordnungsdienst Polizeigewalt auszuüben und alle jüdischen Wertgegenstände zu beschlagnahmen.

5.5.1940
Der Bremer Kaufmann und Kaffeehändler Hans Biebow wird Leiter der "Ernährungs- und Wirtschaftsstelle Getto" der Stadtverwaltung Litzmannstadt und damit Chef der deutschen Gettoverwaltung.

7.5.1940
Dr. Karl Marder übernimmt für ein Jahr das Amt des Oberbürgermeisters.

Sommer 1940
Die Kosten für die tägliche Versorgung der Getto-Insassen werden auf 30 Pfennig pro Kopf festgelegt und liegen damit weit unter dem Satz für Gefängnisinsassen (40-50 Pfennig).

2.6.1940
Die Lebensmittelrationierung im Getto wird eingeführt.

8.7.1940
Das Gettogeld wird eingeführt. Sämtliche Währungen sind gegen die "Markquittungen" einzutauschen. Damit ist das Getto auch wirtschaftlich endgültig von der Außenwelt abgeschnitten.

10.8.1940
Erstmals kommt es zu Hungerdemonstrationen gegen Rumkowski, an denen auch die Führer der jüdischen Arbeiterparteien Bund und Poale Zion teilnehmen. Brutal schlägt die Gestapo die Demonstrationen nieder.

20.9.1940
Das Zentralgefängnis im Getto wird eingerichtet. Zwei Tage später erfolgt die Einrichtung des Getto-Gerichts unter Leitung von Szaja Chaskiel Jacobson.

Oktober 1940
Erneute Hungerdemonstrationen.

17.11.1940
Rumkowski richtet das Ressort für Bevölkerungsstatistik ein und übergibt die Leitung Henryk Neftalin.

15.12.1940
Brot wird als letztes Lebensmittel rationiert. Ab jetzt sind alle Nahrungsmittel nur noch über Karten zu erhalten. Wenig später übernimmt die Verwaltung des Ältesten alle bis dahin noch privat betriebenen Lebensmittelläden, Küchen und Restaurants.

Januar 1941
Die Lebensmittellieferungen bleiben aus – es kommt zur ersten großen Hungersnot im Getto.

12.1.1941
Im Archiv, einer Unterabteilung des Ressorts für Bevölkerungsstatistik, beginnt die Arbeit an der Getto-Chronik.

22.1-30.1.1941
Tischler und Textilarbeiter streiken für bessere Arbeitsbedingungen und Ernährung. Rumkowski lehnt jede Verhandlung ab und sperrt die Ausgabe der Suppen. Nach einer Woche bricht die Streikfront zusammen.

31.1.1941
Durch die Verkleinerung des Gettogebiets verliert das Getto zahlreiche kleinere Gärten, die wesentlich zur Ernährung beigetragen haben.

6.3.-10.3.1941
Erneut erhebliche Hungerproteste im Getto. Rumkowski verhängt den Ausnahmezustand und 1000 Juden – darunter viele Führer des sozialistischen Bundes – werden nach außerhalb des Gettos zum Arbeitseinsatz verschleppt.

8.5.1941
Werner Ventzki wird neuer Oberbürgermeister von Litzmannstadt.

5.6.1941
Heinrich Himmler besucht das Getto.

22.6.1941
Deutschland überfällt die Sowjetunion.

Sommer 1941
Obgleich sich Oberbürgermeister Ventzki beschwert, dass nur 80 Prozent der Kosten, die das Getto verursacht, gedeckt seien, ist das Getto mittlerweile ein gut funktionierender Wirtschaftsbetrieb, der v.a. für die Wehrmacht produziert.

14.9.1941
Leon Rosenblatt (Kommandant Jüdischer Ordnungsdienst) und Aron Jakubowicz (Chef des Arbeitsressorts) werden zu Stellvertretern Rumkowskis ernannt.

24.9.1941
Oberbürgermeister Ventzki protestiert bei Regierungspräsident Übelhoer gegen die Anordnung Himmlers, 20000 Juden aus dem "Altreich", Österreich, Böhmen und Luxemburg sowie 5000 Sinti und Roma ins Getto einzuweisen. Der Protest bleibt erfolglos und bis zum November werden die avisierten Menschen "eingesiedelt". Die Sinti und Roma werden in einem separierten "Zigeunerlager" untergebracht. Innerhalb von zwei Monaten sterben dort über 600 Menschen an Hunger und der sofort ausbrechenden Typhusepidemie oder werden ermordet.

Oktober 1941
Erstmals kommt es im Warthegau zu Massentötungen: Im Wald von Ka?imier? werden 3000 Juden aus der Gegend von Zagorze erschossen. Das Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) wird vom so genannten Sonderkommando Lange, das schon für knapp 2000 Morde im Rahmen des "Euthanasie-Programms" verantwortlich ist, 55 Kilometer von Lodz entfernt aufgebaut.
Im Getto werden die Schulen geschlossen, um den ankommenden "Westjuden" in "Kollektiven" Unterkunft bieten zu können. Die Bildungsanstalten werden nie wieder geöffnet.

1.12.1941
163623 Menschen leben im Getto – das ist die höchste Bevölkerungszahl in seiner vierjährigen Geschichte.

6.12.1941
Die deutschen Behörden verlangen von Rumkowski eine Liste mit 20000 Namen von Personen, die ausgesiedelt werden sollen. Rumkowski handelt die Zahl auf 10000 herunter – die Auswahl obliegt alleine ihm.

7.12.1941
Das Vernichtungslager Chelmno nimmt seine Arbeit auf: Bis zum 14.1.1942 werden dort knapp 6400 jüdische Menschen aus kleineren Gemeinden des Warthegaus in Gaswagen ermordet.

12.1.1942
Die letzten Sinti und Roma, die im Getto die katastrophalen hygienischen Zustände überlebt haben, werden nach Chelmno deportiert und dort getötet.

16.1.1942
Die Deportation von Juden aus dem Getto Lodz nach Chelmno beginnt. Bis Mai 1942 werden 55000 Menschen diesen Mordaktionen zum Opfer fallen. Die Listen für die Deportation muss Rumkowski unter Aufsicht der Lodzer Kripo zusammenstellen. Im Getto bleibt das Schicksal der Deportierten unbekannt.

20.1.1942
Wannsee-Konferenz in Berlin. Führende Vertreter deutscher Ministerien beraten unter dem Vorsitz von Reinhard Heydrich die konkrete Durchführung der Vernichtung der europäischen Juden.

23.3.1942
Um die ständig wieder aufflammenden Konflikte zwischen der Gettoverwaltung und anderen deutschen Dienststellen um das Getto Lodz zu beenden, verfügt Gauleiter Dr. Arthur Greiser, dass alleine die Gettoverwaltung als Vertretung der "Haupttreuhandstelle Ost" (HTO) für die Beschlagnahmung jüdischen Vermögens zuständig ist.

26.4.1942
SS-Hauptsturmführer Dr. Otto Bradfisch übernimmt die Leitung der Gestapo in Lodz. Er war zuvor Leiter einer Einsatzgruppe in der Ukraine und dort an zahlreichen Massenerschießungen beteiligt.

Mai 1942
SS-Hauptsturmführer Bothmann wird Leiter des Sonderkommandos Lange in Chelmno.

15.5.1942
In den letzten elf Tagen wurden 10161 der erst im Oktober 1941 ins Getto eingesiedelten "Westjuden" nach Chelmno verbracht und getötet.

Mai bis August 1942
14441 Juden aus verschiedenen Gemeinden und Provinzgettos des Warthegaus werden ins Lodzer Getto eingesiedelt. 150000 jüdische Menschen werden im Laufe des Jahres 1942 direkt nach Chelmno gebracht und ermordet.

30.5.1942
Die Getto-Chronik berichtet, dass auffallend große Mengen an Kleidungsstücken und Dingen des täglichen Gebrauchs (u.a. auch Gebetsriemen und Pässe) ins Getto gebracht werden. Die Bevölkerung ist erheblich verstört, weil offensichtlich ist, dass diese Gegenstände nicht freiwillig von den betroffenen Personen aufgegeben wurden. Gerüchte über massenhafte Tötungen machen die Runde.

1.9.1942
700 Kinder und Kranke werden aus Heimen und Krankenhäusern brutal verschleppt und nach Chelmno gebracht, wo sie sofort ermordet werden.

5.9.1942
Eine allgemeine "Gehsperre" wird verhängt.

12.9.1942
Innerhalb von fünf Tagen werden noch einmal knapp 16000 Menschen nach Chelmno verschleppt und getötet. Diesmal sind v.a. die Kinder unter zehn Jahren und Menschen über 65 betroffen. Da der O.D. nach Ansicht der Gestapo zu langsam arbeitet, übernehmen die Deutschen selbst die Durchsuchung des Gettos. Diese Aktion übertrifft alles bis dahin Bekannte: Mit unglaublicher Brutalität werden Kinder und Greise zusammengetrieben, Menschen aus Krankenhäusern auf die Straße geworfen. Zahlreiche Menschen werden bereits im Getto getötet – die meisten, weil sie ihre Kinder beschützen wollten. Nach dieser Deportationswelle leben im Getto noch 89500 Menschen.
Das Getto hat nun endgültig den Charakter eines reinen Arbeitslagers angenommen, in dem nur derjenige, der arbeitet, eine Existenzberechtigung hat.

November 1942
Die Gettoverwaltung verlangt von Rumkowski die Erarbeitung einer Ausstellung von Produkten der Getto-Industrie, um weitere "Kunden" zu werben.

1.12.1942
Das "Polenjugendverwahrlager" wird neben dem Friedhof eingerichtet. Rund 10000 polnische Kinder (oft Waisen und Kinder von Eltern, die anderweitig in deutschen Lagern eingesperrt sind) werden im Laufe der Zeit dorthin eingeliefert und zur Zwangsarbeit missbraucht. Die meisten von ihnen werden in Auschwitz oder Chelmno getötet.

9.1.1943
150 arbeitsfähige Männer werden in mehreren Nachtrazzien zur Arbeit "außerhalb des Gettos" zusammengetrieben.

16.1.1943
In einem Schreiben an die Gettoverwaltung beschwert sich das Winterhilfswerk Posen, dass Kleidungsstücke, die aus Chelmno geliefert wurden, in schlechtem Zustand seien und dazu auch noch Blutflecke aufwiesen. Außerdem sei an 51 Stück der Judenstern noch nicht entfernt gewesen.

23.3.1943
1000 Menschen werden deportiert, darunter 850 Juden, die aus Posen ins Getto gebracht wurden. Die restlichen 150 werden in den folgenden Tagen in der üblichen Art und Weise durch Nachtrazzien v.a. in Krankenhäusern zusammengetrieben.

April 1943
Nachdem bereits am 16.4.1943 die Kartoffelvorräte aufgebraucht sind, herrscht im Getto eine unvorstellbare Hungersnot. Zahllose Menschen sterben.

11.6.1943
Himmler ordnet die Auflösung des Gettos Lodz an; er will es möglicherweise nahe Lublin wiedereröffnen – freilich dann unter der Kontrolle der SS. Diese Anordnung, die trefflich den ständigen Streit deutscher Behörden um das Getto illustriert, wird aber nicht ausgeführt, obgleich in den folgenden Monaten immer wieder Versuche von Himmler unternommen werden, das Getto in seinen Machtbereich zu bringen.

12.7.1943
Dawid Gertler, Leiter der Sonderabteilung des O.D. und mittlerweile mächtiger Gegenspieler Rumkowskis im Getto, wird von der Gestapo verhaftet und durch Marek Kliger ersetzt.

14.8.1943
Erneut extreme Hungersnot im Getto – für fünf Tage bleiben die Kartoffellieferungen aus.

31.8.1943
Wieder Deportation von 325 Menschen aus dem Getto zum "Arbeitseinsatz". Zahllose Schwerkranke sind unter den Opfern dieser "Aussiedlung".

September 1943
Erneute Hungersnot wegen ausbleibender Kartoffellieferungen und neue Suppenstreiks auf Grund der Ernährungslage.

17.11.1943
Im Zusammenhang mit den Rivalitäten um die Herrschaft über das Getto besucht eine Delegation von Wehrmacht und SS das Getto und besichtigt Betriebsstätten.

Dezember 1943
Himmler verschärft seine Versuche, das Getto unter die Kontrolle der SS zu bringen: Er lässt vom Geschäftsführer der SS-Ostindustrie, Dr. Max Horn, einen Plan entwerfen, wie das Getto in ein Konzentrationslager umzuwandeln ist, und entsendet Horn und Adolf Eichmann nach Lodz, um vor Ort zahlreiche Betriebe und die "Statistische Abteilung" der Verwaltung des Judenältesten zu besichtigen. Ende 1943 arbeiten 117 Werkstätten und Fabriken im Getto auf Hochtouren für die Kriegswirtschaft.

14.2.1944
Nachdem die Verlegung des Gettos nach Lublin durch den Vormarsch der Russen unmöglich geworden ist und zudem ein interner Bericht von Horn zur Überzeugung gelangt ist, dass im Getto unwirtschaftlich gearbeitet wird, einigt sich Himmler schließlich mit Gauleiter Greiser darauf, das Getto nicht in ein KZ umzuwandeln, sondern es Schritt für Schritt zu "reduzieren". Für diese Reduzierung wird SS-Hauptsturmführer Bothmann verantwortlich gemacht. Die Leitung des Gettos bleibt aber weiterhin in den Händen der Gettoverwaltung, ebenso behalten die Behörden des Warthegaus den erwirtschafteten Profit.

4.3.1944
Nachdem das Arbeitsamt Posen 1500 (später erhöht auf 1600) Menschen zur Arbeit angefordert hat, werden die ersten 750 Menschen nach Cz?stochowa bzw. Charzysko-Kamienna deportiert, wo sie in Zwangsarbeitslagern der HASAG-Werke arbeiten müssen. Sechs Tage später folgt eine Gruppe von weiteren 850 Menschen.

Mai/Juni 1944
Immer wieder flammen erneut Suppenstreiks im Getto auf. Sie nehmen ihren Ausgang in der Nagelfabrik und der Sattlerei. Die Proteste richten sich gegen die schlechte Qualität der Verpflegung.

6.6.1944
Landung der Alliierten in der Normandie.

7.6.1944
Eine Gruppe illegaler Radiohörer wird im Getto verhaftet. Alle Mitglieder dieser Gruppe werden später ermordet.

9.6.1944
Nachdem Himmler die endgültige Räumung des Gettos angeordnet hat, wendet sich Gauleiter Greiser an den Reichsführer-SS, um ihm mitzuteilen, dass Reichsminister Speer versuche, die Liquidation des Gettos zu verhindern, um es als Produktionsstätte zu erhalten. Himmler antwortet sofort und ordnet die umgehende Räumung an.

15.6.1944
Der kommissarische Oberbürgermeister und Gestapo-Chef Dr. Bradfisch verlangt von Rumkowski pro Woche 3000 Menschen, die angeblich zu Aufräumarbeiten ins Reich geschickt werden sollen. In Wahrheit sollen sie in Chelmno getötet werden.

16.6.1944
Rumkowski ruft zur freiwilligen Meldung zum Arbeitseinsatz auf. Am Abend desselben Tages stürmt Biebow in Rumkowskis Büro und verprügelt ihn derart, dass er mehrere Tage im Krankenhaus liegt. Biebow fühlte sich von Rumkowski vor Bradfisch brüskiert.

23.6.1944
Die Deportationen beginnen. 7196 Menschen werden bis zum 14.7.1944 in Chelmno getötet.

15.7.1944
Die Deutschen entscheiden sich angesichts der vorrückenden Roten Armee, Chelmno zu schließen und alle Spuren zu beseitigen. Die Deportationen werden kurzzeitig ausgesetzt.

20.7.1944
Das Attentat auf Hitler misslingt. Die Nachricht dringt allerdings ins Getto vor und verbreitet trotz des Fehlschlags Hoffnung.

25.7.1944
31 Postkarten, angeblich aus Leipzig, kommen im Getto an und berichten von guter Verpflegung und Unterbringung der Deportierten. Die Karten wurden von der SS gefälscht.

30.7.1944
Der letzte Eintrag der Chronik wird verfasst.

2.8.1944
Angeblich wird das Getto an einen anderen Ort verlegt. Täglich sollen sich jetzt 5000 Menschen zur Deportation melden. In Wahrheit fahren die Züge alle nach Auschwitz-Birkenau. Dort werden die meisten Ankommenden sofort selektiert und vergast. Einige tausend werden zum Arbeitseinsatz ausgesucht und in verschiedene Konzentrations- und Arbeitslager im Reich verbracht. Dort verhungern die meisten oder sterben vor Entkräftung.

28.8.1944
Rumkowski wird mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

22.10.1944
500 Menschen aus einem Schneiderbetrieb, die bis dahin noch nicht deportiert wurden, werden nun in das KZ Ravensbrück und in das Nebenlager Königs-Wusterhausen verschleppt. Dort nimmt Biebow mit ihnen wieder die Produktion auf.

18.1.1945
2000 polnische Häftlinge werden im Gefängnis in Radegast, einem Vorort von Lodz, von der Gestapo brutal ermordet.

19.1.1945
Lodz wird von der Roten Armee befreit. 600 Menschen, die im Getto als Aufräumkommando zurückgelassen wurden, sowie rund 270 Menschen, denen es gelungen war, sich vor den Deportationen zu verstecken, haben das Getto überlebt.


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