am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Anita Awosusi: Vater unser. Eine Sintifamilie erzählt.

Der schmale Band Anita Awosusis umfasst gleich zwei Bücher in einem. Zum einen erzählt sie die Lebensgeschichte ihres Vaters, des Geigenbauers Hermann Weiß, und zum anderen berichtet Anita Awosusi von ihrem eigenen Weg in Nachkriegsdeutschland. Ausgangspunkt und Grundlage waren – wie häufig bei Zeugnissen von Sinti und Roma – mündliche Erzählungen von Hermann Weiß über seine Verfolgung und Deportation. Er legte nicht leichten Herzens Zeugnis ab, sondern es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit – die freilich schließlich mit einer ebenso interessanten wie aufschlussreichen Lebenserzählung belohnt wurde.

Hermann Weiß wurde 1925 geboren und wuchs in Karlsruhe als Sohn des Geigenbauers Michael Weiß auf. Über die frühen Jahre weiß Awosusi nicht viel zu berichten; nach wenigen Absätzen kommt sie schnell zu den einschneidenden Verfolgungs- und Ausgrenzungserfahrungen. Ein ‚normales‘ Leben, unbeschwerte Kinder- und Jugendjahre, so zeigt sich daran, konnte es für jemanden wie Hermann Weiß seinerzeit nicht geben. Erst waren es die rassebiologischen Untersuchungen, die man über sich ergehen lassen musste, dann schränkte sich die Bewegungsfreiheit immer mehr ein. Kinos, Schwimmbäder, Radfahren und selbst Straßenbahnen blieben Hermann und den anderen Sintikindern sowie ihren Familien versagt. 1938 folgte der Rauswurf aus der Schule. Im Mai 1940 schließlich wurde auch dieser eingeengte drangsalierte Alltag jäh beendet. Mit 200 anderen Karlsruher Sinti und Roma wurde Hermann Weiß ins besetzte Polen deportiert; am hellichten Tage wurde sie vor den Augen ihrer ‚Mitbürger‘ durch die Stadt abgeführt, wovon etliche abgedruckte Fotos zeugen. „Vor manchen Häusern standen Bewohner auf den Gehsteigen, fotografierten, andere schauten aus ihren Fenstern zu uns herab, aber keiner sagte oder fragte etwas. Die Bürger von Asperg standen nur stumm da und sahen uns nach“, erinnert er sich an eine Etappe der Deportation (S. 20).

In Polen mussten sie in einem Getto leben und Zwangsarbeit leisten Nach drei Jahren kam Hermann zurück nach Deutschland in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Von dort aus wurde er später mit anderen zur sogenannten Einheit Dirlewanger gezwungen und musste in den Krieg ziehen. Bald schon geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wo man ihn der Uniform wegen für einen normalen Soldaten, gar einen Offizier, hielt und nicht den Verfolgten in ihm erkannte. Die Diskriminierung und Ausgrenzung machte vor den Kriegsgefangenenlagern nicht halt. Die anderen gefangenen Soldaten mieden ihn: „Neben mir wollte sowieso keiner liegen, war ich doch immer noch der ‚Zigeuner‘, der ‚Untermensch‘ für sie“ (S. 66), erinnert er sich bitter. Erst im August 1948 endete die Gefangenschaft, die Diskriminierung freilich endete damit nicht – auch davon handelt dieses Buch. Es spart auch schwierige Episoden nicht aus. So schreibt Anita Awosusi von rassistischen Vorurteilen in ihrer eigenen Familie, die offenbar wurden, als sie Ende der 1970er Jahre mit einem nigerianischen Studenten ‚durchbrannte‘.

Anita Awosusi hat ein vielschichtiges (Selbst)Porträt ihres Vaters und ihrer Familie vorgelegt, in dem sie ein eindrückliches Bild von Rassismus, Verfolgung und Diskriminierung im Deutschland des 20. Jahrhunderts zeichnet, von Erscheinungen, die weit über die Zeit von 1933 bis 1945 hinausreichen und tief in die Familien hineinwirkten: „Solange ich denken kann, waren wir umgeben vom Nebel der ungeweinten Tränen. Die Vergangenheit der Eltern, der Verwandten, sie ist nicht meine und doch bin ich mit ihr unweigerlich so sehr verbunden. Sie klebt an mir wie radioaktive Rückstände, die ich nicht einfach abwaschen kann“ (S. 58). Anita Awosusi erzählt sensibel und plastisch aus diesem kontaminierten und beschädigten Leben.

Von Markus Roth

Anita Awosusi: Vater unser. Eine Sintifamilie erzählt.

Ubstadt-Weiher u.a.: Verlag Regionalkultur, 2016.
95 Seiten. 12,00 Euro.
ISBN: 978-3-89735.


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