am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen

Alwin Meyer: Vergiss deinen Namen nicht. Die Kinder von Auschwitz.

„Kinder in Auschwitz: Das ist der dunkelste Fleck im Meer der Leiden, der Verbrechen – des Todes mit seinen tausend Gesichtern“ (S.7), schreibt Alwin Meyer in seinem Vorwort. Mit dieser Metapher gelingt es ihm gleich zu Beginn, Worte für Verbrechen und Gräueltaten zu finden, für die man nur schwer adäquate Formulierungen findet, denn das Leid der Kinder von Auschwitz macht den Zivilisationsbruch im Dritten Reich wohl am deutlichsten: Der (heute) allgemein geltende Schutz für Kinder wurde hier ins radikale Gegenteil verkehrt. Diesem Zivilisationsbruch nähert sich Meyer, indem er verschiedene Lebensgeschichten von Kindern in Auschwitz in einem umfassenden Werk gesammelt hat. Sie sind das Ergebnis einer langjährigen Spurensuche durch viele Länder, wo Meyer lange und ausführliche Gespräche mit damaligen Kindern von Auschwitz und ihren Angehörigen führen konnte. Die Einzelschicksale schildern aber nicht ‚nur’ das Leid in den Lagern, sondern auch die schwierige Herausforderung „das Überleben seelisch [zu] überleben“ (S. 485).

Das Werk gliedert sich insgesamt in drei Teile: das Leben und Überleben vor, in und nach Auschwitz. Alle Teile sind in verschiedene Kapitel gegliedert, in denen die Überlebenden ihre Zeugnisse ablegen. Diese einzelnen Lebensgeschichten sind mit der gesamten Geschichte des Nationalsozialismus verwoben und auch zwischen den Einzelschicksalen finden sich Verknüpfungen. Was sie verbindet, ist ihr gemeinsames Schicksal und der Verlust: der Verlust der Familie, der Heimat und der Kindheit.

Meyer gelingt es, in den ersten beiden Teilen den Kontrast zwischen dem herzustellen, was Kindheit für die meisten der vorgestellten Kinder vor Auschwitz hieß und was es dann in Auschwitz bedeutete. Die Geschichten und beigefügten Fotos sprechen zunächst von einer unbeschwerten und glücklichen Kindheit vor dem Lager inmitten der Familie. Die Kapitel und Bilder von Auschwitz zeichnen dann ein anderes Bild des ‚Kind seins’ ab – nämlich eines von Verlust und Tod. Die Kinder mussten mit ihren Spielsachen auch ihre Kindheit in der Heimat zurücklassen. Das Leben, das sie bis dahin kannten und alles, was ihnen Halt und Schutz gab, existierte nicht mehr. Auschwitz war der Ort, an dem Kinder keine Kinder und Eltern keine Eltern mehr sein konnten. Dieser radikale Bruch mit sämtlichen Normen und Werten wird in den Kapiteln über Auschwitz beschrieben und bringt den Leser häufig an den Punkt der Fassungslosigkeit über die Verbrechen und Grausamkeiten. Doch es geht in den Berichten nicht darum, möglichst viele Gräueltaten aufzureihen, sondern die Schicksale und das individuelle Leid der einzelnen Personen und Familien dahinter abzubilden. Lobenswert ist dabei auch das Gleichgewicht zwischen emotionaler Berührung und inhaltlicher Auseinandersetzung, was bei dieser Thematik keinesfalls einfach in Balance zu bringen ist. Der Autor vereint beide Aspekte ohne dem einen oder dem anderen zu viel Gewicht beizumessen.

Der dritte Teil behandelt das ‚Leben’ nach Auschwitz und zeigt, welche körperlichen und seelischen Folgen das Lager für die Kinder hatte. So bedeutete die physische Befreiung von Auschwitz 1945 keinesfalls auch eine seelische Befreiung von dem Erlebten. Viele Kinder waren auch über die Zeit im Lager hinaus unfähig zu spielen, hatten Angstzustände und konnten sich nur schwer in der Welt außerhalb des Lagers zurechtfinden: Erwachsene waren für sie „‚wie Kinder ohne jede Lebenserfahrung’“ (S.552) und zu ihrem Erfahrungsschatz gehörte, dass Menschen nicht auf natürliche Weise sterben, sondern getötet werden: „‚Was ist das, sterben?’“, wollte so beispielsweise Kola wissen – ein kleiner Junge, der nach seiner Befreiung nicht wusste, wie alt er ist oder woher er stammte.

Auch viele Jahre nach der Befreiung, in denen die Überlebenden wieder ein Stück in den Alltag gelangt sind, schmerzen die Gedanken an das Leid und den Verlust noch sehr. Diese nicht heilenden Wunden finden sich in jeder Lebensgeschichte. Im letzten Teil – dem ‚Leben’ nach Auschwitz – werden neben diesen Schilderungen auch Fotos von den überlebenden Kindern im Erwachsenenalter abgebildet, die sie mit ihren Partnern, Kindern oder Enkelkindern zeigen. Doch der Schmerz über den Teil der Familie, den sie durch die NS-Verbrechen verloren haben, bleibt immer bestehen. So wird dem Leser die Lücke, die sich in jedem einzelnen Familienfoto offenbart, bewusst.

Alle Teile zusammen bilden eine Sammlung von ergreifenden Lebensgeschichten und Einzelschicksalen, in denen die Stimmen der Kinder von Auschwitz deutlich werden und dem Leser noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Dem Titel „Vergiss deinen Namen nicht“ kommt so eine tragende Bedeutung zu, die im gesamten Buch stets klar erkennbar ist.

Die vielen Jahre, in denen Meyer an diesem Buch gearbeitet hat, zeichnen sich nicht nur durch den Umfang des Werkes und dem ausführlichen Quellenverzeichnis, sondern auch in der gesamten literarischen Umsetzung – Konzeption, Inhalt, Stil – ab. Die langjährige Recherchearbeit wird so auf jeder Seite deutlich. Heute wird leider nur allzu häufig das Grauen von Auschwitz  als längst bekannt abgetan. Doch Meyer gelingt es, in seinem Buch das Gegenteil zu beweisen: Individuelle Geschichten und Einzelschicksale sind es, die hier immer wieder neue Perspektiven auf das vermeintlich ‚Bekannte’ eröffnen. Außerdem bieten diese authentischen literarischen Zeugnisse die Möglichkeit, sich auch emotional dem Leid zu nähern – soweit dies überhaupt möglich ist –, was durch bloße historische Fakten schwierig sein kann. Mindestens 232.000 Säuglinge sowie Kinder und Jugendliche, wurden nach Auschwitz verschleppt – Meyer holt einige von ihnen aus der Anonymität und bewahrt ihr Schicksal und das ihrer Angehörigen vor dem Vergessen. Das Buch setzt den Kindern von Auschwitz ein Denkmal und trägt dazu bei, dass ihre Geschichten und Namen nicht in Vergessenheit geraten – so wie es der Titel verspricht.

Von Annika Welle

 

Alwin Meyer: Vergiss deinen Namen nicht. Die Kinder von Auschwitz.

Göttingen: Steidl, 2015. 
760 Seiten. 38, 80 Euro.
ISBN 978-3-86930-949-1.


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